Ungarn:Er hat Übung

Das erste Mal seit 2010 gibt es für die Opposition die Chance, Viktor Orbán zu besiegen. Aber es wird ein harter Weg.

Kommentar von Cathrin Kahlweit

Es hat Hinterzimmerschlachten und viele stille Deals gebraucht, bis die vereinigte Opposition in Ungarn in ihre Urwahlen für einen gemeinsamen Spitzenkandidaten starten konnte. Allein dass das nun geklappt hat, ist ein Erfolg. Regierungsnahe Medien hatten siegesgewiss vorausgesagt, dass sich die zersplitterte Opposition zerstreiten werde. Und doch haben die sechs Parteien jetzt ein Programm und fünf Kandidaten, von denen einer nach der Urwahl, wenn alles nach Plan läuft, fürs Ministerpräsidentenamt kandidiert. Nur in der mühsamen Suche nach Gemeinsamkeiten sehen die Gegner von Viktor Orbán überhaupt eine Chance, den Rechtskonservativen aus einem Amt zu verdrängen, in dem er sich auf Dauer eingerichtet und seine Klientel üppigst mit Steuer- und EU-Geldern versorgt hat.

Die Propagandamaschine schlägt brutal um sich

In acht Monaten sind Parlamentswahlen, und man kann davon ausgehen, dass der Wahlkampf der bitterste und härteste wird, den Ungarn seit der Wende erlebt hat. Eine Mehrheit in Ungarn kann sich schlicht nicht vorstellen, dass die Opposition gewinnt. Und doch gibt es das erste Mal seit 2010 eine reelle Chance, Orbán zu besiegen. Dementsprechend brutal schlägt seine Propagandamaschine um sich. Selbst wenn der Hackerangriff vom Wochenende, der die Urwahl auf den ersten Metern stoppte, doch keine von der Orbán-Partei Fidesz orchestrierte Attacke gewesen sein sollte, wie die Opposition unterstellt, so dürfte Orbán jedes Mittel recht sein, um faire und freie Wahlen zu unterminieren. Er hat Übung darin.

Bei der Bürgermeisterwahl in Budapest 2019 hatten sich die Oppositionsparteien schon einmal - und mit Erfolg - gegen Fidesz zusammenschlossen. Der damals siegreiche Kandidat, Gergely Karácsony, könnte jetzt auch die Urwahl gewinnen. Die vereinte Opposition braucht aber neben einem guten Kompromisskandidaten aus der Hauptstadt auch die Fläche, das Land, die Zweifelnden, die Mutlosen. Und sie braucht weitere acht Monate Geschlossenheit. Es wird ein harter Weg.

© SZ/jsl
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