Internet-Plattformen:Mit (fast) allen Mitteln

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Internet-Plattformen: Das freundliche Gesicht des Silicon Valley? Nicht ganz. Der zurückgetretene Twitter-Chef Jack Dorsey.

Das freundliche Gesicht des Silicon Valley? Nicht ganz. Der zurückgetretene Twitter-Chef Jack Dorsey.

(Foto: MARCO BELLO/AFP)

Der abgetretene Twitter-Chef Jack Dorsey hat sich vielem verweigert, was die Bosse der Konkurrenz so treiben, um erfolgreich zu sein. Als Vorbild für die Tech-Branche taugt er dennoch nur begrenzt.

Kommentar von Helmut Martin-Jung

Also wir hätten da gerne von eurem Smartphone: den Aufenthaltsort via GPS, und zwar alle 30 Sekunden, sowie alle Apps, die ihr installiert oder gelöscht habt. Dann bräuchten wir noch die Hardware-Adresse eures Routers und des Smartphones und, ach ja, bitteschön auch den Inhalt eurer Chats und Videochats. Es handelt sich hier nicht um die Smartphone-Vorschriften für Nordkorea oder irgendeinen anderen totalitären Staat. Das sind Nutzungsbedingungen einer App, die Millionen von Kindern nutzen: Tiktok.

Tiktok hat etwas geschafft, das gefühlte hundert Skandale bei Facebook nicht geschafft haben: den machtgierigen Gründer und Chef Mark Zuckerberg das Fürchten zu lehren. Auch dessen Firmenimperium ist beim Datensammeln ganz vorne dabei, es ist die Voraussetzung, damit das Werbegeschäft läuft. Twitter ist in dieser Hinsicht etwas anders, manche sehen den nunmehr abgetretenen Mitgründer und Chef Jack Dorsey gar als Vorbild für die Branche.

Ist er einfach nur ein schräger Typ, ein Nonkonformist auf Selbstfindungstrip?

Der hat tatsächlich einige gute Entscheidungen getroffen, wie etwa Donald Trump dessen wichtigstes Sprachrohr - Twitter - zu nehmen, wenn auch leider erst nach dem Sturm aufs Kapitol. Er engagiert sich für die Bildung von Mädchen, ist eigentlich ein schweigsamer Mensch, der in seiner Firma nicht einmal ein Büro hatte, sondern lieber mit einem iPad mal hier, mal da saß - wenn er denn überhaupt da war und nicht auf Reisen oder bei seiner anderen Firma Square. Man könnte aber auch argumentieren, dass er einfach nur ein schräger Typ ist, ein genialischer Nonkonformist auf Selbstfindungstrip. Der sich übrigens, als er 2008 aus seiner Firma geworfen wurde, bei Facebook beworben hatte - wo es aber keine passende Führungsposition für ihn gab.

Auch Twitter hat für den Erfolg der Plattform in Kauf genommen, dass die sich zu einem Ort mit eher zweifelhaften Umgangsformen entwickelt hat. Der Ton ist oft rau, die Argumente werden durch die erzwungene Kürze noch zugespitzt. Auch Twitter will den Werbekunden zuliebe vieles von seinen Nutzern wissen. Durch seine Schnelligkeit aber ist es auch ein wichtiges Informationsmedium. Und man hat bei Twitter den Eindruck, dass die Funktionalität des Dienstes noch mehr im Vordergrund steht und nicht mehr bloß ein Mittel dafür ist, die Werbemaschinerie am Laufen zu halten.

Das zeigen auch die Zahlen: Twitter hat in den Quartalen, seit es an der Börse ist, nur selten einen Gewinn ausgewiesen, und meist war der dann auch überschaubar. Im jüngsten Quartal, dem dritten im Jahr 2021, stehen mal wieder knapp 537 Millionen Dollar Verlust zu Buche. Facebook dagegen hat im selben Zeitraum 9,2 Milliarden Dollar Gewinn eingestrichen. Zusammen mit Google beherrscht Facebook den Online-Werbemarkt. Das Unternehmen ordnet alles dem Ziel unter, den Werbeerfolg maximal zu steigern. Die Spaltung der Gesellschaft ist somit eine Nebenwirkung, die bereits im Geschäftsmodell angelegt ist.

Dorsey unterscheidet sich also immer noch deutlich vom Typus eines Zuckerberg oder auch eines Jeff Bezos, des Gründers von Amazon. Deren Lebenszweck besteht darin, ihre Unternehmen zu einem Imperium zu machen, das die Welt beherrscht. Ein militärischer Grundton ist in solchen Firmen nicht ungewöhnlich - man wähnt sich schließlich im Krieg mit der Konkurrenz. Dass sie bei der Wahl ihrer Waffen zimperlich wären, ist dann auch so ziemlich das Letzte, das man diesen Männern vorwerfen kann.

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