SPD:Die Frau von morgen

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Schwesig SPD Corona

Schwesig bei einer Rede im mecklenburg-vorpommernschen Landtag.

(Foto: dpa)

Manuela Schwesig lebt in der Corona-Krise vor, was die Partei beim Kandidaten Scholz so sehr vermisst: Angriffslust und Freude an der Macht - auch bei Themen, mit denen sie sich angreifbar macht.

Kommentar von Mike Szymanski

Die Krise ist die Chance für den Typus des zupackenden Politikers. In der SPD sind es zwei, die derzeit durch besonderen Eifer herausstechen: der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig. Wenn Corona nicht mehr das alles bestimmende Gesprächsthema sein wird, dann dürfte auch die Aufmerksamkeit schwinden, die Lauterbach zuteil wird. Bei Manuela Schwesig ist das etwas anderes.

Die 46-jährige Politikerin bedient mit ihrem forschen Auftreten eine in ihrer Partei verbreitete Sehnsucht nach einer starken Führungsfigur. Die amtierenden Vorsitzenden, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, füllen diese Aufgabe in der Corona-Krise nicht aus. Und Kanzlerkandidat Olaf Scholz findet einfach nicht in seine Rolle als Wahlkämpfer. Es ist Schwesig, die frühere Bundesfamilienministerin, die von Schwerin aus in die offene Konfrontation geht. In den Konferenzen der Kanzlerin mit den Länderchefs hat Schwesig von Beginn an auch gegen Angela Merkel aufbegehrt. Anders als andere Länderchefs kam sie aber nicht in die Verlegenheit, wegen massiv gestiegener Infektionszahlen im eigenen Land Reue zeigen zu müssen. Und beim Impfen ist sie schneller als andere.

So gesehen bringt Schwesig gerade vieles von dem mit, was an der Parteispitze so schmerzlich fehlt: Unerschrockenheit, eine erfrischende Angriffslust und vor allem Freude am Ausüben von Macht. Wegen einer Krebserkrankung hatte sich Schwesig 2019 als Stellvertreterin aus dem Bundesvorstand zurückziehen müssen. Sie fehlt der Partei an dieser Stelle seither.

Die Leute spüren: Sie hat einen eigenen Kopf

In Mecklenburg-Vorpommern geht Schwesig konsequent einen Sonderweg. Sie lässt sich von dem Gedanken leiten: Was geht noch in der Krise? Und macht dies möglich. Deshalb sind bei ihr auch nicht alle Schulen dicht. Sie hört mehr auf ihre Experten in Schwerin als auf jene, die Merkel einlädt. Ihre Beschlüsse sind gerade noch so von dem gedeckt, was in Berlin beschlossen wird. Aber die Außenwirkung ist klar: Diese Frau hat ihren eigenen Kopf.

Selbst dort, wo Manuela Schwesig angreifbar ist - in ihrem Eintreten für die umstrittene Gaspipeline Nord Stream 2 - lebt sie Standfestigkeit vor. Es gibt angesichts von Putins gespenstischem Machtgebaren viele gute Gründe, die für einen Stopp des Projektes sprechen. Es ist auch an Abgebrühtheit nicht zu überbieten, eine Stiftung zu gründen, die das Vorhaben wirtschaftlich absichern soll, und diese unter dem Deckmantel des Klima- und Umweltweltschutzes laufen zu lassen. Schwesigs Verhalten kann man in der Sache für grundfalsch halten. Ihr teils schon hasardeurhaftes Auftreten wirkt aber wohltuend angesichts der erschreckenden Mattheit, die sich sonst in der SPD breitgemacht hat. Kanzlerkandidat Scholz traut sich zum Beispiel nicht, in der Debatte um Kampfdrohnen für die Bundeswehr klar Position zu beziehen.

Bei der Frage nach der Führungsreserve lohnt sich für die SPD der Blick in die Länder. In Schwerin scheint Manuela Schwesig zur kompletten Politikerin herangereift zu sein. Mit der Bundestagswahl wird auch in Mecklenburg-Vorpommern gewählt, verteidigt Schwesig für die SPD die Macht, dürfte sie sich nicht mehr lange in Schwerin verschanzen können. Dies gilt umso mehr, sollte die amtierende SPD-Führung den Wahlkampf vermasseln.

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