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Krieg in Syrien:Eine vergängliche Waffenruhe für Idlib

Türkischer Präsident Erdogan zu Besuch in Moskau

Recep Tayyip Erdoğan (li.) bei Wladimir Putin im Kreml

(Foto: dpa)

Putin hat Erdoğan in der Hand, er wird bald wieder bomben: Warum in der Flüchtlingsfrage durch den Handschlag von Moskau keine Entlastung zu erwarten ist.

Als Recep Tayyip Erdoğan im August nach Moskau flog, um mit seinem russischen Amtskollegen über Idlib zu sprechen, spendierte ihm Wladimir Putin ein Eis. Die Staatschefs flanierten nach den Gesprächen über eine Messe, blieben an einem Erfrischungsstand stehen. Erdoğan hatte keine Rubel einstecken - also zeigte sich Putin großzügig. Sein Presseamt verbreitete im Anschluss Bilder, die Erdoğan wie einen Schuljungen zu Besuch beim spendablen Onkel zeigten.

Bei den Idlib-Verhandlungen vom Donnerstag dieser Woche bekam Erdoğan nicht mal mehr ein Eis. Zwar erreichte er eine Waffenruhe, die sehr vergänglich sein dürfte, darüber hinaus gab es nichts zu holen. Den Krieg um die letzte Hochburg der von ihm unterstützten Rebellen im Norden Syriens kann Erdoğan nicht gewinnen, das weiß Putin. Die Türkei ist auf viele Arten von Russland abhängig - wirtschaftlich, in Infrastrukturfragen, seit dem Kauf des Luftabwehrsystems S-400 auch bei der Waffentechnik. Vor allem aber ist Erdoğans Ultimatum zu Syrien wirkungslos verpufft.

Die syrische Armee zog sich natürlich nicht, wie von Erdoğan gefordert, hinter die Waffenstillstandslinien des 2018 geschlossenen Abkommens von Sotschi zurück. Erdoğan hat daraufhin Tausende Soldaten in die Region verlegt, hat lange Konvois mit militärischem Material über die Grenze geschickt. Und zumindest für einige Tage der russischen und syrischen Luftwaffe die Vorherrschaft im Himmel über Idlib streitig gemacht.

Türkische Drohnen zerstörten syrisches Gerät und töteten syrische Soldaten, türkische Jets schossen syrische Kampfflugzeuge und Hubschrauber ab. Und obwohl Erdoğan durch dieses robuste Vorgehen bewies, dass man gegen Assads Bombenterror durchaus etwas tun kann, scheute er vor einer roten Linie zurück: Seine Hightech-Waffensysteme in der Luft und seine Panzer und Haubitzen am Boden zielten immer nur auf Truppen Assads. Sie achteten peinlich genau darauf, keine Russen in Gefahr zu bringen.

Und so zeigte sich, dass Erdoğan letztlich machtlos ist in Idlib: Dort, wo die Rebellen kurzzeitig Erfolge feierten, patrouillierte bald wieder die russische Militärpolizei. Die "Frühlingsquelle" genannte Gegenoffensive der Türkei war bereits nach wenigen Tagen versiegt.

Für die Menschen in Idlib ist es nun natürlich eine gute Nachricht, dass am Tag nach dem Treffen zwischen Erdoğan und Putin zum ersten Mal seit Langem keine Kampfflieger mehr aufstiegen. Doch dass dieses Abkommen mehr ist als eine vorübergehende Atempause, glaubt niemand. Assad und Putin haben bisher jede Waffenruhe zur Vorbereitung neuer Offensiven genutzt. Die fast eine Million Flüchtlinge, die in den vergangenen Wochen ihre Häuser verlassen mussten, werden nicht in ihre Städte und Dörfer zurückkehren können. Die sind zerbombt, verheert, geplündert.

Außerdem will Assad die Geflüchteten nicht zurück. Wie unsicher das Leben in ehemaligen Rebellengebieten für Zivilisten ist, zeigen die unruhigen Verhältnisse im Süden des Landes. Verhaftungswellen des Regimes und spontane Aufstände der Bevölkerung wechseln sich dort ab.

Putins schräger Humor

In der Flüchtlingsfrage ist durch den Handschlag von Moskau also keine Entlastung zu erwarten. Vielleicht bekommen Hilfsorganisationen kurzzeitig Zugang, aber mehr als die schlimmste Not werden sie nicht lindern können. Zudem wird es noch einmal enger: Der zwölf Kilometer breite Sicherheitskorridor, aus dem sich Kämpfer zurückziehen sollen, verläuft durch das Rebellengebiet und schneidet im Süden Landstriche vom Rest Idlibs ab. Niemand sollte überrascht sein, wenn Assads Truppen dort nach und nach einrücken.

Mit seinem hohen Einsatz an teurem Gerät und noch viel wertvolleren Menschenleben konnte Erdoğan nur ein wenig Zeit kaufen. Dass auch die irgendwann ablaufen wird, hat Putin seinem Gast am Donnerstag auf subtile Weise mitgeteilt.

Als die Staatschefs ihren Deal im Kreml vorstellten, stand zur Rechten Erdoğans eine Statue von Katharina der Großen, die das Osmanische Reich zweimal im Felde schlug. Zudem hatte das Protokoll des Kremls die beiden Präsidenten vor einer Skulptur platziert, die an den russischen Sieg über osmanische Truppen in Bulgarien erinnert. Der russische Präsident mag manchmal einen schrägen Humor haben. Auf dem Schlachtfeld aber ist mit ihm nicht zu spaßen.

© SZ.de/odg
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