Union:Klare Worte, peinliche Botschaft

Union: Jahrelange Zusammenarbeit liegen hinter Finanzminister Olaf Scholz und Kanzlerin Angela Merkel.

Jahrelange Zusammenarbeit liegen hinter Finanzminister Olaf Scholz und Kanzlerin Angela Merkel.

(Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP)

Angela Merkel mischt sich widerwillig in den Wahlkampf ein und geht auf Distanz zu Olaf Scholz. Dass Armin Laschet ihre Hilfe braucht, hat sich der Kanzlerkandidat der Union auch selbst zuzuschreiben.

Kommentar von Nico Fried, Berlin

"Alles hat seine Zeit." Das Bibel-Wort ist eines der Lieblingszitate Angela Merkels. Noch am 21. August hat sie damit in einer kurzen Wahlkampfrede erklärt, warum sie sich aus dem Wahlkampf ansonsten weitgehend herauszuhalten gedachte. "Amtsvorgänger, die ihre politische Arbeit beenden, sollten sich zurücknehmen", so ihre Begründung. Nur zehn Tage später hat Merkel diese Zurückhaltung abgelegt und sich am Dienstag deutlicher in den Wahlkampf eingeschaltet, als sie es jemals geplant haben dürfte. Alles hat seine Zeit, aber die Zeiten ändern sich schnell - gegenwärtig fast mit jeder neuen Umfrage, die den Absturz der Union dokumentiert.

Merkel hat also Olaf Scholz für seine Weigerung kritisiert, eine Koalition mit der Linken auszuschließen. Die fehlende Klarheit stehe für einen "gewaltigen Unterschied" zwischen ihr und dem SPD-Kanzlerkandidaten, sagte die Kanzlerin. Diese Ansage war für Merkels Verhältnisse in dreifacher Hinsicht bemerkenswert: Zum einen hat sie persönliche Angriffe fast immer vermieden, auch als sie noch selbst kandidierte. Stattdessen behandelte Merkel ihre politischen Konkurrenten in Wahlkämpfen lieber mit größtmöglicher Nichtbeachtung.

Zum Zweiten dürfte es ihr kein Vergnügen bereitet haben, ausgerechnet Scholz zu kritisieren, mit dem sie viele Jahre lang ordentlich zusammengearbeitet hat. Vor zehn Tagen noch, in der Auftaktveranstaltung der Union für die heiße Wahlkampfphase, hatte sie nicht geklatscht, wenn sich Redner zur Freude des übrigen Publikums den Vizekanzler vorknöpften.

Zum Dritten kennt Merkel Scholz lange genug, um zu wissen, dass er eher noch einmal das Risiko eingehen würde, einen G-20-Gipfel in Hamburg zu organisieren, als mit der Linken eine Koalition. Doch die Not der CDU wirft solche Rationalitäten selbst bei Merkel über den Haufen.

Nun hat es Scholz umgekehrt zuletzt ein bisschen weit getrieben mit der Merkelisierung seiner selbst. Hier ein Foto mit der Kanzlerinnen-Raute, da ein "Ich kann Kanzlerin"-Plakat, dort diebische Freude über Vergleiche mit einer "erfolgreichen Kanzlerin" (Scholz über Merkel). Unions-Größen von CSU-Chef Markus Söder bis zu CDU-Vize Volker Bouffier sahen darin zuletzt den Versuch der politischen "Erbschleicherei". Merkel selbst hätte über Scholz' Ranschmeiße normalerweise wohl nur milde gelächelt. Aber in der Lage, in der sich die Union befindet, muss auch für sie Schluss mit lustig sein.

Die Jahre mit Merkel waren gut, aber nun muss alles anders werden

Doch dass es überhaupt so weit kommen konnte, haben sich die Union und ihr Kanzlerkandidat selbst zuzuschreiben. Denn die Lücke, in die Olaf Scholz stieß, hatten sie ja erst geöffnet. Armin Laschet wusste lange nicht so recht, was er mit dem Erbe Merkels anfangen sollte. Annehmen? Ausschlagen? Am Ende entschied er sich für beides: Die Jahre mit Merkel waren gut, aber nun muss alles anders werden. Im Englischen gibt es dafür ein Sprichwort: You can't have your cake and eat it - man kann den Kuchen nicht essen und behalten.

Olaf Scholz hat besser als die CDU verstanden, dass dieses Bedürfnis nach Veränderung bei vielen Merkel-Wählern nicht besonders ausgeprägt ist. Hinzu kommt, dass das Neue, was Laschet präsentierte, oft recht alt aussah, wofür Friedrich Merz ein gutes Beispiel ist. Die Begeisterung, mit der die offizielle CDU am Dienstag Merkels Intervention aufgriff, enthielt deshalb auch eine peinliche Botschaft für die Laschet-Union im Wahlkampf 2021: Ganz ohne Merkel geht's noch nicht. Und wenn sogar Friedrich Merz, der vor gerade mal zwei Jahren Merkels Regierung noch als "grottenschlecht" bezeichnet und den vorzeitigen Rücktritt der Kanzlerin gefordert hatte, jetzt um ihr Engagement im Wahlkampf bettelt, zeigt das eindrucksvoll, wie groß sein Vertrauen in Laschet noch ist.

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