Kevin Kühnert:Adieu, Twitter

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Der SPD-Generalsekretär will sich nicht länger von einer lauten Minderheit, die den Kurznachrichtendienst nutzt, treiben lassen. Was sehr klug ist.

Kommentar von Andrian Kreye

Nachdem der SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert sein Twitter-Konto geschlossen hat, stellt sich die Frage, ob das ein Zeichen von Schwäche oder von Klugheit war. So wie er das in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland formulierte, bekommt man den Eindruck, Kühnert sei ein weiteres Opfer der allgemeinen Medienermüdung. Die ist inzwischen schon wissenschaftlich nachweisbar, wie eine Studie des Vocer-Instituts für digitale Resilienz im Juli zeigte. Im Krisensturm zwischen Klima, Pandemie, Krieg und Inflation ziehen sich viele aus sozialen Netzwerken zurück. Auch Kühnert wurde es zu viel. Seit Monaten habe er seinen Twitterkanal schon nicht mehr verfolgt.

Er sagte aber auch, dass das Nutzen von Twitter "zu Fehlschlüssen und Irrtümern in politischen Entscheidungen führt". Das würde dafür sprechen, dass es ein kluger Schritt war. Das Internet ist sicherlich eine Form der Öffentlichkeit, die man als Politiker nicht ignorieren kann. 93 Prozent aller Deutschen nutzen das Internet. Die sozialen Medien haben dabei viel Gewicht. 83 Prozent nutzen Whatsapp, 60 Prozent Facebook. Twitter liegt allerdings mit 22 Prozent sogar noch hinter dem Bildernetzwerk Pinterest und dem Videodienst Tiktok. Und doch ist diese Minderheit auf Twitter medial lautstärker, wütender und impulsiver als die Mehrheiten auf den anderen Portalen. Ein Politiker, der sich davon leiten lässt, kann gar kein Staatsdiener für alle Bürger sein. Er lässt sich von aktivistischen Kleingruppen, vom professionellen und vom selbsternannten Kommentariat treiben. Vor allem aber läuft er Gefahr, seine Entscheidungen den Reflexmechanismen dieses Mediums zu unterwerfen. Und die funktionieren in Höchstgeschwindigkeit. Das ist kein Bürgerdialog, sondern ein permanentes Manövrieren durch Emotionswellen. Die aber sind Gift für die Politik. Womit man zum Schluss kommt, dass der Mann eine kluge Entscheidung gefällt hat. Ganz ohne Antrieb von Twitter.

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