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Erinnerungskultur:Nazivergleiche haben im demokratischen Spektrum nichts verloren

Roland Freisler während einer Verhandlung im Volksgerichtshof, 1944

Roland Freisler, Präsident des NS-Volksgerichtshofs, 1944 im Prozess gegen Beteiligte am Attentat auf Adolf Hitler.

(Foto: Scherl /Süddeutsche Zeitung Photo)

DFB-Präsident Keller beschimpft seinen Vize mit dem Namen eines Massenmörders. Damit verharmlost er wirkliche Nazis und zeigt mangelnden Respekt vor den Opfern.

Kommentar von Joachim Käppner

Ein nicht völlig ernst gemeintes, nach dem britischen Autor Mike Godwin benanntes Internet-Gesetz lautet: Je länger eine Debatte in den Empörungs-Echokammern des Netzes dauert, desto wahrscheinlicher wird es, dass jemand zu einem Nazivergleich greift, um die Gegenseite möglichst massiv zu beleidigen. Freilich ist der NS-Vergleich in der analogen Welt nicht minder beliebt, wie gerade der Fall des DFB-Bosses Fritz Keller zeigt, der seinen Vize, mit dem er wegen Funktionärsfragen heillos verkracht ist, als "Freisler" bezeichnet hatte.

Das ist selbst für jemanden, der sich und seine kleine Welt als Mittelpunkt des Universums betrachtet, eine Äußerung von bemerkenswerter Idiotie und Bösartigkeit. Damit setzte Keller seinen Fußball-Intimfeind mit dem brüllenden Blutrichter der Nazidiktatur gleich, Roland Freisler, der Tausende Todesurteile verhängt hatte, unter anderem gegen Sophie Scholl und andere Mitglieder der "Weißen Rose".

Die unselige Neigung, statt echter Rechtsextremisten ungeliebte Mitmenschen, die zumindest das nicht verdient haben, in Nazinähe zu rücken, ist so alt wie die Bundesrepublik. In ihr spiegeln sich die heftigen Debatten der Nachkriegszeit über das Erbe der NS-Diktatur. Noch erinnerlich ist der Sturz der SPD-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die sich 2002 in, an sich sehr verständlichem, Zorn über den geplanten Irakkrieg der USA zu einem Vergleich zwischen George W. Bush und "Adolf Nazi" hinreißen ließ. Meist waren und sind derlei Gleichsetzungen Ausdruck kopfloser Wut, großer politischer Unreife oder des Versuchs, das Grauen von NS-Diktatur, Zivilisationsbruch, Holocaust und Vernichtungskrieg für eigene Zwecke zu instrumentalisieren.

Der Nazivergleich war von Beginn an ein rhetorisches Mittel der ganz Rechten

Bizarrerweise war der Nazivergleich von Beginn an ein rhetorisches Mittel der ganz Rechten, die sonst sehr ungern über das Dritte Reich und ihre Rolle darin sprachen, auf Kritik aber antworteten, derlei Gesinnungsdiktatur kenne man ja aus jüngerer Vergangenheit. Diese Art Opfergehabe ist auf der Rechten heute wieder angesagt, um "das System", die Demokratie, zur Diktatur umzudeuten, bis hin zu der so dummen wie geschmacklosen Behauptung, man stehe in der Tradition von Sophie Scholl oder des 20. Juli 1944.

Weit auf der Linken gehört der Nazivorwurf zur ideologischen DNA, er wurde - und wird von den Splittergruppen, die von der Bewegung blieben -, oft so wahllos erhoben, dass er fast jede Aussagekraft einbüßte. Er mochte anfangs nachvollziehbar sein angesichts der skandalösen Karrieren von Ex-Nazis in der Bundesrepublik. In den theoriefreudigen Sechzigern freilich verteufelten viele die parlamentarische Demokratie als Schwester des Faschismus, da beide Systeme nur "Formen bürgerlicher Herrschaft" seien. Die Literatur dazu füllt ungezählte, längst eingestaubte Bibliotheken.

Im demokratischen Spektrum haben Nazivergleiche nichts verloren, auch wenn - oder gerade weil - die Bereitschaft steigt, sich jederzeit maximal über alles und jedes zu empören. Angesichts einer neuen Bedrohung von rechts führen sie nur zu begrifflicher Unschärfe und letztlich einer Verharmlosung wirklichen Nazismus. Wer seinen Vize im Fußball-Bund mit dem Namen eines Massenmörders beschimpft, zeigt damit, wenn auch wohl nicht bewusst, einen Mangel an Respekt vor den Opfern Freislers.

© SZ/kia
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