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DFB-Machtkampf:Misstrauensvotum gegen alle

Bei den Rücktrittsforderungen gegen den DFB-Präsidenten geht unter, dass der Verband seit Monaten ein Tollhaus und Intriganten-Stadl ist. Fritz Kellers Nazi-Vergleich war da nur der berühmte Tropfen zu viel.

Kommentar von Thomas Kistner

Man darf sich das in den Gremiensitzungen des Deutschen Fußball-Bundes ungefähr so vorstellen: "Schaut mal raus, Leute!" ruft Rainer Koch, "da fliegt ein Ufo!" Alles rennt zum Fenster und drückt sich die Nase an der Scheibe platt. Nichts zu sehen. Aber Stunden später sind sich dann doch alle einig: Schon toll, so ein Ufo mal ganz aus der Nähe zu sehen! Und wie gut uns der Rainer das wieder erklärt hat!

Der zeitlos amtierende Oberhirte Koch, DFB-Vizepräsident seit 2007, hat seine Schäflein so durchdrungen, dass sie ihm meist besinnungslos hinterher trotten. Da ist Rainer Koch ein Phänomen: Weil es im Deutschen Fußball-Bund, dem größten Sportverband der Welt, unter mehr als sieben Millionen Mitgliedern offenkundig ja kein weiteres Führungstalent gibt, ist er über die Jahre alles in einem geworden: erster Vizepräsident, Vizepräsident Recht, Chef der Verbände von Bayern und Süddeutschland, deutscher Vertreter in Europas Fußball-Union Uefa.

Und parallel natürlich Chef aller deutschen Amateure - das ist besonders wichtig, die Amateure haben die Stimmenmehrheit im DFB, mancher lässt sich auch mal umgarnen mit Pöstchen, Reisen, Kontakten... Bleibt noch zu klären: Falls mal Vakanz im DFB-Fuhrpark herrscht, wird Koch dann auch sein eigener Chauffeur?

Lange ließen sich die Amateure vom Kern der Dinge abbringen

Einen ganzen Samstag lang haben sich die Amateurvertreter bei ihrem Treff am Templiner See nun wieder so verhalten, wie es Koch und Co. an der Spitze gewohnt sind: wie echte Amateure halt. Man lässt sich einseifen und vom Kern der Dinge abbringen, eine gut inszenierte Vortragsshow hat in Kameraden-Kreisen immer funktioniert. Kern der Debatte blieb also, was unbedingt Kern der Debatte bleiben sollte: Präsident Fritz Kellers kürzlich in einer Sitzung vor sich hin gemurmelter, gleichwohl unsäglicher Vergleich des Kollegen Koch mit dem Nazi-Richter Roland Freisler.

Bei aller berechtigten Empörung: Ein wenig ging in Potsdam dadurch unter, dass dieser DFB schon seit Monaten ein Tollhaus ist, ein Intriganten-Stadl, an das keine Seifenoper im Trash-Fernsehen heranreicht. Kellers Nazi-Vergleich war da nur der berühmte Tropfen zu viel.

Schon seit Herbst ermittelt die Staatsanwaltschaft zu Steuerfragen, auch gegen die Führungstroika Koch, Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge. Dann wurde vor Wochenfrist bekannt, dass interne und externe Wirtschaftsprüfer weiteren Hinterzimmer-Deals rund um einen ominösen Beratervertrag auf der Spur sind: In einem alarmierenden Zwischenbefund bringt der verbandsinterne Prüfungsausschuss sogar eine "forensische Unterschlagungsprüfung" ins Spiel - oder gleich eine Selbstanzeige. Tage darauf erbaten dieselben internen Prüfer dann Rechtsbeistand, weil sie sich juristisch bedroht fühlen von jenen, denen sie eigentlich auf die Finger schauen sollen.

Im Zuge all dieser Entwicklungen kannten die Revisoren noch nicht einmal die jüngste, irritierende Volte in ihrem Untersuchungsfeld: dass zwei Dienstleister des DFB untereinander große Geldbeträge abgerechnet haben, über Firmen im eigenen Netzwerk und unter dem Verwendungszweck "Hydra": Hoppla, heißt so nicht das Projekt, für das beide vom DFB angeheuert worden sind? Das Trio Koch/Curtius/Osnabrügge weiß aber leider gar nichts von diesen Hydra-Zahlungen.

Es ist schwer, in so einem anrüchigen Interessensverhau den Durchblick zu bewahren

Es ist vielleicht zu viel verlangt von echten Amateuren, in einem so anrüchigen Interessensverhau den Durchblick zu wahren. Da tun sich immerhin auch renommierte Finanzprofis schwer. Womöglich brütet irgendwo ja auch schon ein Staatsanwalt über Fragen, die sich um einen gemeinnützigen Fußballverband drehen, der im Zuge immer fragwürdigerer Selbstuntersuchungen längst zig Millionen Euro verballert hat.

Rainer Koch und Co. haben es nun geschafft, das Treffen in Potsdam in ein Fritz-Keller-Tribunal zu verwandeln. Die Rücktrittsforderung an Keller: Klar, die lag nach der jüngsten Eskalation auf der Hand. Umso bemerkenswerter ist deshalb, dass die Amateure diesmal auch Koch und Co. de facto ihr Misstrauen ausgesprochen haben. Dass sie auch für Curtius den Daumen senkten, ist ein Fanal. Dieses setzt sich in Kochs Resultat fort, der ja nur mit den vielen Voten, die ihm selbst dank absurder Ämterhäufung direkt und indirekt zufallen, die glatte Abstrafung durch die doch von ihm gelenkte Amateurbasis verhinderte.

Keller muss jetzt nur noch eine weitere Abstimmung im DFB-Vorstand herbeiführen. Dann darf auch die zu Recht äußerst Koch-kritische Liga an die Urne schreiten, und das Misstrauensvotum wäre perfekt: Alle weg! Der Weg ist dann frei für einen Neuanfang. Und auch frei für eine gründliche, forensische Aufarbeitung dieses millionenschweren Vertragsgestrüpps, welches das Trio angerichtet hat. Für die Frage, ob sich Fritz Keller mit seiner Entgleisung auf Dauer unhaltbar im Amt gemacht hat, braucht es keinen Staatsanwalt. Für all die anderen Fragen womöglich schon.

© SZ/cca/bek
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