Japan:Die Verwundbaren

Die japanische Politik ist überfordert mit den großen Risiken des Augenblicks. Ob Klima oder Pandemie - das Land reagiert erstaunlich hilflos, wie die Olympischen Spiele belegen.

Von Thomas Hahn

Das Wochenende war wieder schwierig in Japan. Auf der südlichsten Hauptinsel Kyushu regnete es mancherorts so viel, wie sonst im ganzen Juli nicht. Straßen, Häuser und Parks wurden überschwemmt. Zeitweise herrschte die höchste Alarmstufe des Wetteramtes. 245 000 Menschen in den Präfekturen Kagoshima, Kumamoto und Miyazaki mussten sich in Sicherheit bringen. Die Lage entspannte sich bald. Es kam nirgends so schlimm wie eine Woche zuvor in Atami, Shizuoka, wo eine Schlammlawine mindestens neun Menschen in den Tod gerissen hatte. Trotzdem: Diese Regenzeit ist eine Nervenprobe für viele Japanerinnen und Japaner. Es wird nicht die letzte sein.

Japan ist ein schönes, verwundbares Land. Es liegt über der Schnittstelle von vier Erdplatten, deshalb kommt es hier besonders häufig zu Erdbeben. Die Tsunami-Gefahr ist hoch. Die schmale, bergige Inselkette ist den Winden des Pazifiks ausgesetzt, die oft genug zu heftigen Stürmen anschwellen. Naturkatastrophen haben Japans Geschichte geprägt, das Leben verläuft hier im unregelmäßigen Rhythmus von Zerstörung und Wiederaufbau. So war es immer, so wird es immer sein.

Aber durch den Klimawandel wachsen die Gefahren für Japans moderne Konsumgesellschaft. Die Stürme werden stärker, die Regenfälle heftiger, die Tsunamis höher. Japans Regierung weiß, dass sie das Land umbauen muss, damit das Wetter nicht noch extremer wird und Flüsse nicht mehr über die betonierten Ufer treten. Klimaschutz durch Energiewende, Katastrophenschutz durch Renaturierung - das sind Japans Herausforderungen für die Zukunft.

Riesige Herausforderungen. Denn Japan stieg nach dem Krieg ja auch deshalb zu einer der größten Volkswirtschaften der Welt auf, weil der Staat die wenigen Flächen zwischen den Bergen fast ganz dem ökonomischen Fortschritt unterordnete, konsequent Land versiegelte, Städte für viele Menschen auf wenig Raum baute. Japans Metropolen sind über Jahrzehnte gewachsene Häusermeere. Diese jetzt mit grünem Gewissen aufzulockern, ist hochkompliziert. Man hätte schon vor Jahrzehnten damit anfangen müssen. Jetzt braucht man mehr als Absichtserklärungen.

Aber die Frage ist, ob Japans Politik-Elite in der Lage ist, einen nachhaltigen Aufbruch zu schaffen. Alle G-7-Staaten sind Klimasünder, alle sind zu langsam. Aber gerade verdichtet sich der Eindruck, dass die japanische Regierung der Mehrheitspartei LDP mit besonderer Sturheit an der Wirklichkeit vorbeiregiert.

Die LDP kam nach einer Wahlniederlage 2009 wieder zu Kräften, weil sie sich den mächtigen nationalistischen Kreisen zuwandte. Japans Kollektivgesellschaft ist deshalb mehr denn je durchzogen von einem rechten Mainstream, der in uralten Konflikten feststeckt. Erst vergangene Woche musste in Nagoya eine Ausstellung schließen, die kritisierte, dass Japans Militär in der Besatzungszeit koreanische Frauen zu Sexdiensten gezwungen hat. "Sicherheitsgründe" machte Nagoyas Stadtverwaltung geltend, nachdem sie ein Protestpaket mit Feuerwerkskörpern erhalten hatte. Dass sie die Freiheit der Kunst schützen müssten, sehen viele Menschen in Japan nicht. Und die Regierung in Tokio kämpft lieber darum, die Vergangenheit vergessen zu dürfen, statt mit Südkorea intensiver zusammenzuarbeiten - zum Beispiel für eine umweltfreundlichere Zukunft des Pazifikraums.

Die Politik denkt kurzfristig und ängstlich

Die Regierung von LDP-Premierminister Yoshihide Suga denkt in kurzfristigen Dimensionen. In ihrer Coronavirus-Politik wird das deutlich. Dank Einreisestopps und großer Disziplin seiner Menschen hat Japan relativ niedrige Infektionszahlen. Aber vorangekommen ist das Land in der Krise kaum. Ab diesem Montag gilt für Tokio die dritte Notstandserklärung in diesem Jahr mit relativ milden, trotzdem ermüdenden Einschränkungen, nachdem die beiden davor jedes Mal verlängert werden mussten. Das Impfprogramm hat erst spät an Fahrt aufgenommen. Trotzdem will Japans Regierung unbedingt in zwei Wochen die Olympischen Spiele mit Zehntausenden Auslandsgästen eröffnen. Sie übergeht dabei die Meinung von Experten, ignoriert Bürgerängste, ändert ständig ihren Kurs. Das Ergebnis ist nach Stand der Dinge ein sehr teures Sportfest vor leeren Rängen, bei dem Athletinnen und Athleten zusammenkommen, um sich aus Gründen des Infektionsschutzes die meiste Zeit voneinander fernzuhalten.

Was soll man von einem Staat halten, der sich an derart absurde Vorhaben klammert? Suga verkündete im Herbst, dass Japan 2050 klimaneutral sein soll. Hier kam das ersehnte Bekenntnis einer Hightechnation, die eigentlich Vorreiterin beim Umweltschutz sein müsste - gerade weil sie in ihrer geografischen Lage so sehr den Risiken des Klimawandels ausgesetzt ist. Aber kann Japan das? Haben zumindest die Weltfirmen des Landes rettende Ideen für die Zukunft? Japans altvordere Machtpolitiker wirken jedenfalls überfordert. Sie verpulvern die Energien der Nation für zu viele Debatten und Projekte, die kaum jemanden weiterbringen.

© SZ
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