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Großbritannien:Johnsons letzter Streich

Boris Johnson wird neuer britischer Premierminister. In der Urwahl der Mitglieder der Konservativen Partei setzte er sich gegen Außenminister Jeremy Hunt durch.

(Foto: AFP)

Nach Jahren wütender Attacken gegen das System und seine Partei hat der neue britische Premier nun alle Chancen, seinem Land auch den ultimativen Schlag zu versetzen.

Boris Johnsons Aufstieg zum Premierminister ist der jüngste Beleg für die Dysfunktionalität der Politik in Großbritannien. Seit langer, langer Zeit jedenfalls wurde kein Regierungschef auf derart undemokratische Weise installiert, der das Land im Augenblick höchster Not führen soll, und das mit einer derart geringen Befähigung. 92 153 Mitglieder der Tories und damit 0,2 Prozent der britischen Wahlbevölkerung haben Johnson zum Parteiführer und damit zum Premier gewählt - vermutlich, weil er ihnen als der beste Garant für den Zusammenhalt der Partei und den Kampf gegen die Extremistentruppe von Nigel Farage erschien.

In der britischen Geschichte sind schon viele Premierminister ohne Parlamentswahl ins Amt gelangt - gewählt werden Parteien und ihre Abgeordneten, nicht Regierungschefs. Es gehört aber zu den größeren Absurditäten des britischen Wahlrechts, dass ein in Fragen nationaler Existenz handlungsunfähiges Parlament immer wieder der Selbstauflösung entkommt und sich aus parteitaktischem Kalkül von Premier zu Premier hangelt, der dann zwar aus dem Amt, aber nicht ins Amt gewählt werden kann. Bei der nächsten Unterhauswahl wird der Frust der Bürger explodieren und die Parteienlandschaft in kleine Teile zerlegen.

Auch gab es in der reichen britischen Parlamentsgeschichte nur wenige Kandidaten, die auf den ersten Blick fachlich und charakterlich derart untauglich für die Aufgabe erschienen. Johnsons Karriere und vor allem seine politische Bilanz zeugen von dreierlei: enormer Unstetigkeit, Größenwahn und der Lust an der Lüge. So wie Donald Trump seine Leistungen gerne "fabelhaft" und "großartig" nennt, so liebt Boris Johnson das Attribut "gigantisch" oder "titanisch". Das englische Vokabular sieht dafür das Adjektiv titanic vor, was Johnsons Lebensweg zwischen Höhenflug und Untergang sehr hübsch beschreibt.

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Ja, Boris Johnson ist sonderlich, was ihn interessant macht. Die Tapsigkeit und Schrulligkeit lassen ihn ungefährlich erscheinen. Er hat seine Skurrilität bewusst kultiviert und zum vielleicht wichtigsten Merkmal entwickelt. Als er zur Verkündung des Wahlergebnisses mit auf dem Rücken verschränkten Händen und hochgezogenen Schultern in die Halle einlief, fehlte nur die Zigarre zur perfekten Imitation Winston Churchills. Aber genau dies ist Boris Johnson: eine Imitation, ein Prätendent. In der Sache - ob als Außenminister oder als Bürgermeister von London - hat er kaum Spuren hinterlassen. Er hat immer nur eine Rolle gemimt und damit auch mit dem System gespielt. Was in seinen Kreisen als Exzentrik oder Snobismus goutiert wird, kann aber auch als Überheblichkeit interpretiert werden.

Johnson sympathisierte mit der Taktik Trumps

Diese faszinierende Persönlichkeitsstruktur - einerseits urkomisch und fesselnd, andererseits unberechenbar und impulsiv - mag für eine Brexit-Kampagne oder für die Hinterbänke im Parlament taugen. Für das höchste Regierungsamt in Großbritannien stellt sie eine Gefahr dar.

Es gibt die Theorie, ähnlich wie bei Donald Trump, dass sich der Mann im Amt entwickeln werde - jetzt, wo er sein Lebensziel erreicht hat und, wenn auch nicht "Weltkönig" (ein Kinderwunsch), so doch Premierminister wurde. Mehr noch: Wer, wenn nicht Boris Johnson, soll die unversöhnlichen Lager der Tories beim beherrschenden Thema dieser Zeit zusammenführen? Boris und Brexit, das ist wie Nixon und China, sagen die Wohlmeinenden. Gerade weil man es von ihm nicht erwarte, könne er die Briten von ihrem Albtraum befreien. Gerade weil es ihm immer nur um das Amt gegangen sei, könne er nun vernünftig handeln. So weit also die Theorie.

In der Praxis wird Johnson eher die Entwicklungskurve eines Donald Trump nachahmen. Vor Monaten schon sympathisierte er mit der Taktik des US-Präsidenten und suggerierte, dass größtmögliche Unberechenbarkeit und Disruption die Dynamik beim Brexit zugunsten der Briten wenden könnten. Ein rationaler Akteur ist Johnson jedenfalls nicht. Ein ungeregelter, chaotischer Brexit ist nun wahrscheinlicher geworden.

Ob es so weit kommt, ist dennoch nicht gewiss. Seine Mehrheit im Parlament wird wohl schon bald auf zwei Stimmen schrumpfen, die Fraktion ist über den EU-Austritt noch immer so gespalten, wie sie es unter Theresa May war. Und in Großbritannien spürt man die Verheerung der politischen Monokultur der letzten Jahre: Bildung, Gesundheit, Infrastruktur verlangen nach der Aufmerksamkeit der Politik.

Nicht zuletzt ist es der Zusammenhalt des Landes insgesamt, der wieder auf dem Spiel steht. Ein ungeregelter Brexit kann im schlimmsten Fall nicht nur zu einem ökonomischen Kollaps, sondern auch zu einer Auflösung des Vereinigten Königreiches und zu einer Auferstehung der irischen Einheitsbewegung führen. Nach Jahren wütender Attacken gegen das System und seine Partei hat Boris Johnson nun alle Chancen, seinem Land auch den letzten Schlag zu versetzen.

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