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Großbritannien:Großspurig und nostalgisch

Die Regierung Johnson erlässt außenpolitische Grundsätze, bei denen die Ambitionen im krassen Widerspruch zur Realität stehen. Die EU kommt, natürlich, nicht darin vor - als könne man sie sich wegwünschen.

Von Stefan Kornelius

Zwei Dinge lassen sich in der Außenpolitik nicht ändern: Geografie und Geschichte. Auch wenn Großbritannien eine Insel ist, bleibt es eine Insel in Europa. Und auch wenn das Land gerade aus der Europäischen Union ausgetreten ist, so werden die Briten nicht ihre Vergangenheit als Weltmacht wiederaufleben lassen können.

Die neuen außenpolitischen Leitlinien der Johnson-Regierung tun allerdings genau das: Sie verlegen Großbritannien raus aus dem europäischen Orbit und tun so, als würde das Empire mit seiner Flotte und vor allem der dazugehörenden Weltordnung fortleben. Das ist ein bemerkenswertes Maß an Autosuggestion, dem die Regierung und nicht wenige im Land erlegen sind.

Prinzipiell ist es eine vernünftige Idee, wenn sich eine Nation ihrer außenpolitischen Rolle vergewissert, besonders wenn sie eine gravierende Veränderung ihrer Allianz-Zugehörigkeit beschlossen hat. Die Briten haben diese Zäsur mit dem Brexit geschaffen und stellen sich also zu Recht die Frage, was sie mit ihrer Souveränität anfangen wollen. Die ambitionierte außenpolitische Generalinventur benennt dabei wenig überraschend die Themen, die momentan auf der Bestsellerliste der Geopolitik ganz oben stehen: Demokratie verteidigen, eine Strategie für den richtigen Umgang mit China und Russland finden, Tempo im technologischen Wettlauf um Märkte und Einfluss entwickeln.

Bemerkenswert ist das Dokument der britischen Regierung aber vor allem aus zwei Gründen: Es erhebt den Anspruch, die Linien über eine ganze Dekade hinweg vorgeben zu können, also weit über eine Wahlperiode hinaus. Und zweitens findet sich in dem 90-seitigen Papier so gut wie kein Wort über die Europäische Union, deren Außenpolitik und die Konsequenzen, die sich aus der Nachbarschaft ergeben. Die Regierung Johnson tut so, als gäbe es die EU gar nicht und als hätten die Briten keine Aufgabe auf dem Kontinent oder in seiner unmittelbaren Peripherie. Schlimmer noch: Sie negiert das außenpolitische Gewicht, das die Staaten Europas eben nur dann entwickeln können, wenn sie gemeinsam handeln.

Die britische Regierung setzt außenpolitisch auf militärische Mittel

Stattdessen wendet sich der Blick nach Ostasien, wohin zur Untermauerung des neuen globalen Anspruchs der britische Flugzeugträgerverband entsandt werden soll. Überhaupt scheint die Regierung Johnson die Glaubwürdigkeit ihrer Außenpolitik vor allem mit militärischen Mitteln untermauern zu wollen. Das mag sie von ihren mit Nichtbeachtung gestraften europäischen Nachbarn unterscheiden.

Allerdings entpuppen sich die militärische Muskelspiele schnell auch als aufgepumpte Kraftprotzerei, weil das britische Militär einen massiven Modernisierungsbedarf nachholt und vor allem von den Kosten für die Erneuerung des nuklearen Arsenals erstickt wird. Es ist dieses Arsenal, bei dem Johnson jetzt die selbstgesetzte Obergrenze für Sprengköpfe anhebt und damit der globalen Abrüstungsdebatte einen katastrophalen Dienst erweist .

Großspurig, nostalgisch, oberhalb der eigenen Gewichtsklasse - die außenpolitische Generalinventur ist die Verschriftlichung der "Global Britain"-Doktrin, die Johnson dem Land als Ersatz für den Einflussverlust nach dem Brexit verschrieben hat. Hätten die Briten diese Ambitionen im europäischen Verbund eingebracht und durchgesetzt - sie hätten den Horizont des Kontinents geweitet und wirklichen Einfluss gewonnen. So aber bleibt Global Britain ein Marketing-Slogan.

© SZ/kia
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