Frankreich:Ein Riss geht durch Frankreichs Gesellschaft

A protest against COVID-19 health pass in France

Der Gesundheitspass setzt in Frankreich eine Wut frei, die sich in eineinhalb Jahren pandemischen Zusammenreißens angestaut hat.

(Foto: Sarah Meyssonnier/Reuters)

Die Impfpflicht hat eine Protestbewegung entstehen lassen, die über Deutschlands Querdenker hinausgehen könnte. Sie gründet vor allem auf einem tiefen Misstrauen gegen den Staat.

Kommentar von Nadia Pantel

Der Druck wirkt. Und der Widerstand wächst. Seit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Mitte Juli eine Impfpflicht für Krankenhauspersonal angekündigt hat und eine Nachweispflicht über Impfung oder Negativ-Test für einen Großteil der Freizeitaktivitäten, passiert in Frankreich zweierlei. Einerseits hat die Impfmüdigkeit ein Ende. In der Woche nach Macrons Ankündigung wurden zum ersten Mal seit Beginn der Impfkampagne mehr als 900 000 Menschen pro Tag geimpft. In den Impfzentren wird zwar nicht mehr von Freude und Dankbarkeit berichtet, viele kommen, weil ihnen das Leben ohne Impfung einfach zu kompliziert wird. Doch allzu groß scheint die Hemmschwelle allein bei den zwei Millionen Menschen nicht gewesen zu sein, die in den 48 Stunden nach Macrons Rede einen Impftermin vereinbarten. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass die Einführung von Impf- und Nachweispflicht (geregelt durch den Gesundheitspass) die beträchtliche Wut freigesetzt hat, die sich in eineinhalb Jahren pandemischen Zusammenreißens angestaut hat. Das dritte Wochenende in Folge ist in ganz Frankreich die Zahl derjenigen gewachsen, die gegen den Gesundheitspass auf die Straße gehen. Unter den Protestierenden sind Rechtsextreme, Anhänger von Verschwörungsmythen und auch Gewaltbereite. Gleichzeitig lässt sich der aktuelle Unmut nicht auf diese Gruppe reduzieren. In Frankreich drohen die Proteste gegen den Gesundheitspass deutlich größer zu werden als die Querdenker-Bewegung in Deutschland.

In der Peripherie gilt vielen die Impfung als Übergriff

Schaut man sich an, wo heute besonders stark demonstriert wird, dann decken sich diese Gebiete mit den Regionen, in denen die Gilets jaunes besonders stark waren. Und mit den Regionen, in denen aktuell noch besonders wenige geimpft sind. Es ist das Frankreich der Peripherie, wo der Staat in erster Linie als Steuerlast wahrgenommen wird und die öffentliche Versorgung schwach ist. Es mangelt an Ärzten, an öffentlichem Nahverkehr, an ansprechbaren Behörden. Und noch mehr mangelt es an Vertrauen in den Staat und seine Institutionen. Die Impfung gilt hier vielen als Übergriff.

Der Gesundheitspass erhöht also nicht nur den Impfdruck, er leuchtet auch grell all die Risse aus, die sich durch Frankreichs Gesellschaft ziehen. Und aus denen Marine Le Pen und auch der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon ihre Stärke ziehen. Beide unterstützen die Anti-Pass-Proteste.

Präsident Macron hätte vorsichtiger agieren können

Für Macron sind diese Demos weniger bedrohlich als die Gelbwesten-Bewegung. Da es den Anti-Pass-Mobilisierern nicht gelingt, sich von den vielen gefährlichen Wirrköpfen in ihren Reihen zu distanzieren, haben sie wenig Sympathien in der breiten Bevölkerung. Macrons Wählerschaft, die gehobene, urbane Mittelschicht, befürwortet ohnehin den Pass, schließlich ist in diesem Milieu die Impfquote am höchsten. Und außerdem hat Macron zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie eine Maßnahme beschlossen, die nicht nur auf einen medizinischen Notstand reagiert, sondern ihm präventiv vorbeugt. Dafür wird Macron von Wissenschaftlern gefeiert.

Doch die Frage ist, wie hoch der gesamtgesellschaftliche Preis dieses Protest-Sommers sein wird. Der Kampf um den Pass droht zu einer brutalen Vorrunde des Präsidentenwahlkampfs zu werden. Diese starke Politisierung einer Frage, die für die Gesundheit des Landes so wichtig ist, hätte Macron durch ein weniger rabiates Vorgehen vermeiden können.

© SZ/kus
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