Frankfurt am Main:Demnächst vielleicht Weltstadt

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Frankfurt am Main: Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! Ist natürlich kein Frankfurter Spruch. Würde derzeit aber passen: der Römerberg am Donnerstag.

Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! Ist natürlich kein Frankfurter Spruch. Würde derzeit aber passen: der Römerberg am Donnerstag.

(Foto: Imago/Florian Ulrich/Imago/Jan Huebner)

Eigentlich fehlt dieser Stadt die Tradition, sich selbst zu feiern. Ist die nun begründet worden, nach dem Europapokalsieg? Der OB steht noch etwas im Weg.

Kommentar von Detlef Esslinger

Matthias Beltz, der große Frankfurter, ist nun 20 Jahre tot, aber seine Sätze sind geblieben. Zum Beispiel der: "Frankfurt hat keinen Ruf, Frankfurt ist ein Ruf." Acht Wörter, mit denen im Grunde alles gesagt ist über seine Stadt, zumindest über deren innere Verfassung bis zu dieser Woche. Im Rest des Landes verbindet man ja wenig mit ihr, außer halt immer noch Bahnhofsgegend, Mainhattan sowie Äppelwoi, dieses wirklich untrinkbare Getränk. Zugleich ist es eine Stadt, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten wieder um 100 000 Einwohner gewachsen ist, auf 760 000. Kriegt nur keiner mit. Von Frankfurt kriegen die Leute mit, wenn Razzia bei der Deutschen Bank ist oder der OB wegen Vorteilsannahme angeklagt wird. Ob sich daran nun etwas ändert?

Jede Gemeinschaft braucht ab und an Erlebnisse, die alle verbinden, über Milieus, Berufe, Herkünfte und Generationen hinweg. Der Europapokalsieg von Eintracht Frankfurt ist solch ein Erlebnis, Torwart Kevin Trapp beschreibt das sehr präzise mit der Feststellung, es gebe hier "nicht einen Helden, sondern wir alle sind Helden". Es ist ja keineswegs so, dass einfach eine Mannschaft gewonnen hätte, und nun freuen sich darüber ihre Fans - wer gesehen hat, wie Zehntausende Frankfurterinnen und Frankfurter fröhlich die Spielorte Barcelona, London und Sevilla geflutet hatten, alle in weißen Trikots, für den kann gar kein Zweifel sein: Hier haben sich Mannschaft und Stadtgesellschaft wechselseitig in eine Stimmung katapultiert, die den Erfolg überhaupt erst möglich machte.

Eigentlich ist so etwas unfrankfurterisch. Man sieht dort (vor allem, solange man daheim ist) zunächst das Schlechte an seiner Stadt. "Die Frankfurter Inszenierungen seiner eigenen Weltstädtischkeit sind schlecht besetzte und schlecht arrangierte Lokalpossen", schrieb Matthias Beltz 1987. Das würde er heute wohl genauso wieder formulieren: Der OB einer Metropole, der trotz Anklage nicht zurücktritt, dafür aber dem Trainer und dem Mannschaftskapitän auf dem Weg zum Römerbalkon den Pokal aus den Händen klaut - wie peinlich ist das denn?

In Frankfurt "fehlte der Glanz eines Hofes"

Peter Feldmann, so heißt der Mann, ist in der Stadt nun wieder das große Lästerthema; in einer Hinsicht ist er sehr frankfurterisch: Dort wurden zwar fast 200 Jahre lang deutsche Kaiser und Könige gekrönt, aber sie residierten immer woanders. Auch Bischofssitz war die Stadt nie. Der Bankier Friedrich von Metzler sagte einmal: "Es fehlte der Glanz eines Hofes. Wo ein Hof ist, glänzt man gern mit." Statt dessen lauter Volk, das jahrhundertelang stets kam und ging, ein Vorgang, der sich übrigens täglich wiederholt. Morgen für Morgen pendeln 400 000 Menschen herein, um abends schnell wieder wegzukommen. Selbstinszenierung hat da keine Tradition. Und dieser OB wird sie ganz gewiss nicht mehr begründen.

Wozu aber die jahrhundertelange und die tägliche Völkerwanderung geführt hat: Gelassenheit, Weltoffenheit. Menschen aus 100 Nationen leben in Frankfurt - wer in die Gesichter der Jubelnden beim Autokorso geschaut hat, erkannte es sofort. Und 16 Nationen sind es, die in der Mannschaft vereint sind. Dass deren Spieler alle in Cabrios mit Münchner Kennzeichen durchs Spalier fuhren, war natürlich wieder herrlich ungelenk; nie-nie-mals würde der FC Bayern mit einem F durch München rollen. Andererseits: Sollen sie in München erst mal einen Korso hinkriegen.

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