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Boom sozialer Einrichtungen:Größte Bürgerbewegung der Republik

Die Nutzer der Tafeln sind keine Randgruppe, weil eineinhalb Millionen Menschen keine Randgruppe sind. Das "Gesetz über die Grundsicherung von Arbeitssuchenden" (so heißt das Hartz-IV-Gesetz im Wortlaut) hat der deutschen Gesellschaft die Grundsicherheit genommen, die Sicherheit darüber, dass es in Deutschland eine ausreichende soziale Basis-Sicherung gibt. Hartz IV ist die Chiffre dafür, dass das Sichere nicht sicher ist. Und die Tafeln sind der Beleg: Ihre Zahl hat sich seit Einführung der Hartz-Gesetze vervielfacht. Wenn man von den Erfolgen dieser Gesetze redet - das gehört auch dazu. An den Tafeln kann man studieren, wie sich die Ungleichheit der Gesellschaft verändert, Nicht nur Arbeitslose kommen dahin, sondern auch Leute, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Die Spaltungslinien der Gesellschaft verlaufen nicht mehr nur zwischen arbeitenden und arbeitslosen Menschen. Sie verlaufen kreuz und quer. Auf diesem Kreuzund-Quer stehen die Tafeln.

Die Tafelbewegung ist wohl die derzeit größte Bürgerbewegung der Bundesrepublik. Mehr als vierzigtausend Menschen arbeiten ehrenamtlich dafür, dass Bedürftige ihr täglich Brot bekommen. Sie sammeln die Lebensmittel, die sonst als Biomüll entsorgt werden müssten. Davon profitieren die Bedürftigen und die Spender. Erstere haben was zu essen, Letztere ersparen sich Entsorgungskosten (zum Teil werden sie an die Tafeln weitergegeben, weil letztlich doch einiges im Müll landet). Und der Staat erspart sich ein Sozialsystem, das den Bedürftigen wirklich das gibt, was sie brauchen. Tafeln sind etwas Wunderbares, weil sie Pragmatismus mit Wohltätigkeit verbinden, weil die Idee, die hinter den Tafeln steckt, so verblüffend einfach ist. Aber: Soll man wirklich als Großtat der Bürgergesellschaft feiern, was eigentlich ein Armutszeugnis ist?

Tafeln sind ein Notbehelf, sie bieten Almosen, sie liefern die Krümel vom Überfluss, sie sind Gnadenbrot. Aber sie sind keine geeignete Antwort auf Not und Armut in einer reichen Gesellschaft - sondern Anklage. Wenn der Staat sich auf die Tafeln verlässt, verstößt er gegen seine soziale Fürsorgepflicht. Vielleicht sollten die Wohlfahrtsverbände, welche die Tafeln organisieren, einmal streiken. Armutsbekämpfung verlangt mehr als Barmherzigkeit. Ein Staat, der tausend Tafeln braucht, ist kein guter Sozialstaat.