Meinung am Mittag: Corona-Politik:Wenn ein starres System versagt

Coronavirus - Modellprojekt ·Öffnen mit Sicherheit· Tübingen

In Tübingen wird das Modellprojekt "Öffnen mit Sicherheit" durchgeführt. Es soll erprobt werden, ob durch den intensiven Einsatz von Schnelltests auch zusätzliche Öffnungsschritte umsetzbar sind.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Deutschland als "Logistik-Weltmeister"? Angesichts der Lage klingt das wie Hohn. Nur wenn endlich flächendeckend und unkompliziert getestet wird, kann es wieder in Richtung Normalität gehen.

Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid

Tübingen zeigt, dass es geht: Testen, testen, testen. Erst wer bei einer der von der Stadtverwaltung aufgebauten Stationen einen Test gemacht hat, kann zum Friseur oder einkaufen gehen. Für Gaststätten und Kultureinrichtungen gilt das auf dem Handy gespeicherte negative Testergebnis als Eintrittsticket. In der baden-württembergischen Stadt wird seit Dienstag das als dreiwöchiger Modellversuch geprobt, was längst in ganz Deutschland Realität sein sollte: Öffnen mit zumindest relativer Sicherheit.

Tests bieten keine hundertprozentige Sicherheit, schaffen aber das höchstmögliche Maß an Klarheit über die Infektionslage und geben die Möglichkeit, Schritt für Schritt in Richtung Normalität zu gehen - wenn es die Inzidenzwerte erlauben. Die Ministerpräsidentenkonferenz hat am 3. März zwar Öffnungsschritte beschlossen, aber nicht das nötige Sicherheitsnetz gespannt. So wurden in weiten Teilen Deutschlands Schulen geöffnet - aber flächendeckende Tests? Sind leider nicht vorhanden. Das ist grob fahrlässig. Seit der letzten Berliner Beschlussrunde ist ein Monat vergangen, genügend Zeit zur Umsetzung sollte man meinen.

Warum hat man bisher noch immer keine flächendeckende Infrastruktur geschaffen?

Was in einer relativ kleinen Stadt wie Tübingen in acht Tagen gelungen ist, das hat ein kleines Land wie Österreich schon vor einem Vierteljahr geschafft: eine funktionierende Infrastruktur aufzubauen mit fixen Teststationen im städtischen Raum und mobilen Bussen auf dem Land. Apotheken bieten Gratistests und für jeden fünf kostenlose Selbsttests pro Monat zum Abholen an. Dass die Inzidenz in Österreich deutlich höher liegt als in Deutschland, kann nicht nur, aber auch auf das stärkere Testen zurückgeführt werden.

Bei Masken und Impfstoff können die politisch Verantwortlichen in Deutschland auf Probleme bei der Beschaffung oder auf die EU verweisen. Diese Ausrede gibt es beim Testen nicht. Denn auch Gesundheitsminister Jens Spahn und Kanzleramtsminister Helge Braun versichern, es gebe genügend Schnelltests. Warum hat man bisher noch immer keine flächendeckende Infrastruktur geschaffen? Wer dem Versprechen nach einem Gratistest glaubt, muss sich erst einmal auf eine Art Odyssee begeben. Hier zeigt sich in der Realität das Versagen eines starren Systems.

Es ruckelt in der Verwaltung

In anderen Ländern funktioniert auch das Einbinden der Hausärzte in die Impfstrategie mit den bisher vorhandenen Vakzinen. Ein Hausarzt weiß in der Regel aufgrund seiner Erfahrung besser als jeder Sachbearbeiter an der Hotline, welcher Patient den Impfstoff am dringendsten braucht aufgrund von Alter und Vorerkrankungen. Damit haben auch jene eine Chance, die den Weg ins Impfzentrum aus gesundheitlichen Gründen nicht bewältigen können.

Vor zwei Wochen lobte der Gesundheitsminister Deutschland als "Logistik-Weltmeister", was angesichts der offensichtlichen Defizite wie Hohn klingt. Probleme sind da, aber auch Lösungsvorschläge - man muss sie nur umsetzen, flexibel und mit möglichst wenig Bürokratie. Doch es ruckelt in der Verwaltung, nötig wären auch klare Ansagen der Regierenden. In Deutschland gibt es Regeln für die Impfzentren, aber keine Freiheit für die Hausärzte. Es heißt Anträge stellen und Formulare ausfüllen statt einfach loszulegen. Es fehlt eine nationale Kraftanstrengung, ein Ruck, der durch Deutschland geht.

© SZ/fzg
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