Corona:Mir passiert schon nichts

Lesezeit: 2 min

Goldener Oktober -Wanderung zum Baumgartenschneid. Blick auf den Tegernsee mit Rottach Egern am 25.10.2020. Herrliches W

Rund um den Tegernsee herrscht ein herrlicher Herbst - ein krasser Gegensatz zum Corona-Geschehen im Landkreis Miesbach: Die Inzidenz dort ist eine der höchsten bundesweit.

(Foto: Frank Hoermann/Imago images / Sven Simon)

Zum Beispiel Stadelfeste: Wie eine Inzidenz von 875 zustande kommt. Und wie im Landkreis Miesbach nur noch die Kapitulation bleibt.

Kommentar von Johanna Pfund

Bayern, ausgerechnet Bayern. Das Land, dessen Ministerpräsident so oft den härtesten Kämpfer gegen Corona gibt. Das Land, aus dem man gern etwas abschätzig auf nördlich gelegene Bundesländer blickt. Und nun ist die Corona-Karte hier dunkelrot - wie kann das sein?

Man nehme den Landkreis Miesbach. Schliersee, Tegernsee, Almen, Hütten. Tagelang lag die Corona-Inzidenz dort über 700, die höchste bundesweit. Nun liegt sie schon bei 875, übertroffen nur noch von den Landkreisen Rottal-Inn, Traunstein, Dingolfing-Landau. Die Krankenhaus-Ampel ist mittlerweile auf Rot gesprungen, was bedeutet, dass mehr als 80 Prozent der Intensivbetten belegt sind. Der Landkreis und die Nachbarn in Rosenheim organisieren ihr Rettungswesen gemeinsam; rechnet man beide zusammen, sind es sogar 98 Prozent der Betten. Die Situation sei außer Kontrolle, heißt es im Landratsamt. Die Infektionsketten können nicht mehr nachverfolgt werden, das Gesundheitsamt macht jetzt das, was Markus Söders Staatsregierung empfohlen hat: Schadensbegrenzung. Sprich, es werden nur noch die Haushaltsmitglieder von Betroffenen kontaktiert - die Nachverfolgung weiterer Kontakte ist nicht mehr zu stemmen.

Was hat zu dieser Situation geführt? Die Miesbacher haben versucht, es zu analysieren, sind aber nicht recht weit gekommen. Es gibt offiziell keine Ausbruchsschwerpunkte. Die Impfquote der 100 000 Einwohner liegt bei 63 Prozent, das ist nicht besonders hoch, aber deutlich mehr als nebenan in Bad Tölz-Wolfratshausen, wo sie lediglich 58 Prozent beträgt. Die Schulen gelten ebenfalls nicht als Hotspots. Von den 12 000 Schülern im Kreis waren zuletzt etwa 90 infiziert, und das bei regelmäßigen Testungen.

Manche Menschen gingen auf Partys - mit einer bizarren Hoffnung

Womöglich ist der gewichtigste Faktor: Sorglosigkeit - zu einem beträchtlichen Teil mitgebracht aus einem Sommer, in dem vieles möglich war. Hochzeiten durften stattfinden, doch in manchen Fällen endete das für die Feiernden samt Brautpaar in Quarantäne. Und was man in Vereinen oder Feuerwehren weiß, aber nie einer Behörde melden würde: Es gab häufig größere, private Stadelfeste. Diese wurden auch von Infizierten besucht, die Folgen waren fatal: reihenweise junge, teils schwer Erkrankte.

Auch machen Geschichten von Corona-Partys die Runde, bei denen sich die Teilnehmer gezielt anstecken wollten - um der Impfung zu entgehen und dann nach zwei Wochen Quarantäne das "G" für "genesen" zu bekommen; den Freischein für Restaurant- und Barbesuche oder demnächst Ausflüge in die Skigebiete. Apropos Restaurants: Das Überprüfen der jeweils gültigen G-Regel nimmt man in der Region nicht allzu ernst. Auch im Landratsamt hat man festgestellt: Es herrscht ein übergroßes Vertrauen in die Ehrlichkeit der Gäste. Und das jetzt, da man gewiss sein kann: Wenn sich jemand infiziert, dann ist fast davon auszugehen, dass er oder sie die anderen ungeimpften Haushaltsmitglieder auch ansteckt.

Es mag ja verständlich sein, dass nach knapp zwei Jahren Pandemie gefeiert wird; in Miesbach wie überall in der Republik. Aber nun kommt alles zusammen: Stadelfeste, Impfskepsis, übergroßes Vertrauen auf den eigenen, angeblich gesunden Lebensstil. Wo das hinführt? In die Überlastung der Kliniken? In die nächsten Verbote? Richtung Impfpflicht? Das Miesbacher Landratsamt versucht es derzeit mit einem Appell - an die Eigenverantwortung und an die Verantwortung gegenüber den Mitmenschen. Es ist eine Kapitulation vor der Unvernunft.

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