Afghanistan:In der Falle

Es nützt nichts: Für die dringend nötige humanitäre Hilfe muss der Westen sich einlassen auf Absprachen mit den Taliban, die stolz sind auf ihre Unmenschlichkeit.

Von Andrea Bachstein

Schnell waren sie und nicht knausrig: Eine Milliarde Dollar haben westliche Länder bei der UN-Geberkonferenz in Genf zugesagt für humanitäre Hilfe in Afghanistan. Das ist gut, denn den Menschen dort geht es schlecht. Schon ehe die Taliban das Land wieder in ihren Griff zwangen, hing es am Tropf, und durch den fließen nun keine Militär- und Entwicklungshilfe mehr. Die halbe Bevölkerung benötigt bereits humanitäre Hilfe: Dürre, Gewalt und das Chaos des Machtwechsels machen Lebensmittel knapp und teuer. Ohne Hilfe würde eine Hungersnot drohen. Sie träfe Kinder, Frauen, Alte am brutalsten.

Die Genfer Konferenz ist also zunächst ein Erfolg für die geschundenen Afghanen. Der Westen, der Anteil hat an ihrer Lage, steht menschlich, moralisch in der Pflicht. Wie viele Millionen nun auf das Konto von Moral gehen, und wie viele dem Kalkül entspringen, dass Hilfe vor Ort Flüchtlingszahlen begrenzt, sei dahingestellt. Beide Motive sind legitim und nicht per se im Widerspruch.

Hungert die Bevölkerung, gefährdet das auch das neue Regime

Humanitäre Hilfe ist nun einer der wenigen Hebel im Umgang mit den Taliban. Denn bei allem Fanatismus muss den bärtigen Männern in Kabul klar sein - hungert die Bevölkerung, wird das gefährlich für sie und ihr "Islamisches Emirat". Insofern darf man vorsichtig hoffen, dass sie Helfer und Helferinnen unversehrt ihre Arbeit tun lassen.

Doch selbst wenn das funktionieren sollte, bleibt tiefes Unbehagen: Denn für all das muss der Westen sich einlassen auf Absprachen mit Männern, die stolz sind auf ihre Unmenschlichkeit, mit als Terroristen gesuchten Ministern, zu deren Machterhalt womöglich die ausländische Unterstützung beiträgt. Die Geber werden als Bedingung der Hilfe von Kabul fordern, die Menschenrechte zu achten. Nur, wenn die Taliban auch diese Zusagen brächen - lässt man dann die Bevölkerung hungern? Wohl kaum. Der Westen hat sich in Afghanistan 20 Jahre lang in viele Fallen hineinmanövriert.

© SZ/kia
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB