Afghanistan:Eine Zeit der Dunkelheit

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Afghanistan: Zur Burka gezwungen: Erwartungsgemäß haben die Taliban alle Versprechen gebrochen, Frauenrechte zu achten; die Burka (Straßenszene in Kabul) ist nun wieder Pflicht.

Zur Burka gezwungen: Erwartungsgemäß haben die Taliban alle Versprechen gebrochen, Frauenrechte zu achten; die Burka (Straßenszene in Kabul) ist nun wieder Pflicht.

(Foto: AHMAD SAHEL ARMAN/AFP)

Das vergessene Land: Die Taliban berauben die Frauen wieder systematisch ihrer Rechte, sogar die Burka ist wieder Pflicht. Und die internationale Gemeinschaft hat längst andere Sorgen.

Kommentar von Tobias Matern

Sie spricht nur ein paar Sätze, aber die entfalten eine Wucht, wie sie nur in historischen Momenten entstehen kann: "Liebe Schwestern, ihr seid frei, ihr dürft machen, was ihr wollt. Kommt auf die Straßen, ihr braucht die Burka nicht mehr zu tragen." Es sind die Worte von Jamila Mujahid, einer Journalistin, die am 13. November 2001 über das Radio den Frauen in Afghanistan den Sturz der Taliban verkündet. Ihre Worte beenden die fünf "Jahre der Dunkelheit", in denen Frauen aus der Öffentlichkeit zu verschwinden hatten. Und wenn sie auf die Straße gingen, dann nur in Begleitung. Oder voll verschleiert in der Burka.

20 Jahre später, im vergangenen Sommer, haben die Taliban Kabul wieder eingenommen. Eine unfähige afghanische Regierung und ein an seiner Hybris gescheiterter Westen ermöglichten ihnen den Weg zurück an die Macht. Der Präsident floh, in seinem Palast präsentierten nun die Vollbärtigen stolz ihre Kalaschnikows. Ein Bild des Schreckens.

Der Einsatz des Westens steht im Lehrbuch für fehlgeschlagene Interventionen an besonders prominenter Stelle. Am Ende verweisen die Besiegten noch kleinlaut auf die unter ihnen erreichten Fortschritte für Frauen und Mädchen, die arbeiten und zur Schule gehen dürfen. Doch einige Monate später ist klar: Die Taliban haben die Uhren längst wieder zurückgedreht.

Die Hardcore-Ideologen

Die Taliban schließen erneut Frauen aus dem öffentlichen Leben aus. Afghaninnen dürfen nicht mehr allein reisen, nicht den Kabuler Zoo besuchen, ältere Mädchen in vielen Teilen des Landes nicht in die Schule gehen. Nach einer Reihe frauenfeindlicher Dekrete haben die Taliban nun ein Burka-Gebot erlassen und belegen damit erneut, wie grundlegend sie das Selbstbestimmungsrecht für Frauen missachten. Dieser Schritt hat die längst vorherrschende Afghanistan-Apathie im Westen wenigstens für einen Augenblick unterbrochen und ein wenig Kritik nach sich gezogen.

Aber mehr als geißeln können und wollen die Westler auch nicht mehr. Afghanistan, das steht nicht nur für eine peinliche Niederlage. Es gerät auch in Vergessenheit. Das Land untersteht jetzt erneut Männern, die sich militärisch und auch diplomatisch geschickt an die Macht zurückgebracht haben, die aber gesellschaftspolitisch in der Vergangenheit verharren. Die oberste Maxime der Taliban: Die eigenen Reihen schließen, die religiösen Fanatiker zufriedenstellen. Besonders bitter ist das für die Frauen und Mädchen, die das Land nicht verlassen können - die Fortschritte der vergangenen beiden Jahrzehnte werden ihnen nun einfach wieder weggenommen.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Afghanistan war auch während der westlichen Präsenz kein Land, in dem Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrschte. Die Burka ist vor allem im ländlichen Raum fester Bestandteil des Kleidungskodexes für Frauen und jugendliche Mädchen geblieben. Aber dass Frauen die Universitäten offenstanden, dass sie in Fernsehtalkshows zu Wort kamen, dass sie überhaupt als gesellschaftlicher Faktor wahrgenommen wurden, dass sie Fußball spielen durften - all diese Errungenschaften werden nun zurückgedreht.

Der Mut der Frauen von Kabul

"Die höchste unverkennbare Prüfung des Islam war die Emanzipation der Frauen, die damit begann, dass man sie proklamierte, dann - langsamer - in die Tat umsetzte", hat der Historiker Fernand Braudel einmal geschrieben. Diese Worte passen nicht in die Welt der Taliban. Ihre Edikte ähneln den Erlassen aus den ersten fünf Jahren ihres Regimes.

Die Beharrungskräfte in Kabul sind immens: Die Taliban setzen ihre Hardcore-Ideologie fort, die sie einst in pakistanischen Religionsschulen eingebläut bekommen haben. So sollte bereits der Kampf gegen die kommunistische Sowjetunion in den 1980er-Jahren religiös aufgeladen werden. Dieser Fanatismus war neben den amerikanischen Raketen, mit denen die sowjetischen Maschinen abgeschossen wurden, die zentrale Schubkraft vieler Kämpfer, um die Rote Armee aus Afghanistan zu vertreiben. Nach deren Abzug besiegten sie die anderen Widerstandsgruppen und errichteten eine erste Herrschaft des Schreckens. Ironie der Geschichte: Der Kampf auch der Islamisten war gestützt und finanziert von den USA, und die Taliban haben die einstigen Förderer der religiösen Extremisten nach dem Einmarsch 2001 erst bekämpft und 20 Jahre später vertrieben.

Leidtragende dieser Fehler sind nun die Menschen in Afghanistan, vor allem die Frauen. Das Taliban-II-Regime ist Realität, und es deutet wenig darauf hin, dass es nur kurz an der Macht bleibt. Den Frauen droht wieder eine Zeit der Dunkelheit. Es gibt ein wenig Hoffnung: Es trauen sich in Kabul noch Frauen auf die Straße, sie demonstrieren für ihre Rechte und gegen die Taliban-Erlasse. Auch wenn es kleine Gruppen sind, ihr Mut ist bemerkenswert, weil sie bewaffneten Taliban gegenüberstehen. Auf den Westen können diese Frauen nicht mehr setzen. Aber kann vielleicht gerade deshalb aus diesen Gruppen eine Bewegung werden, können die Frauen den Widerstand anführen und den Wandel in Afghanistan einleiten? An diesen Fragen wird sich zeigen, ob 20 Jahre Frauenrechte, Schule und erste Schritte zur Selbstermächtigung nicht doch etwas verändert haben.

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