AfD:Geschlagen und gefährlich

AfD: Zwei Vorsitzende, zwei Flügel: Tino Chrupalla steht dem rechten Lager der AfD nahe, sein Co-Chef Jörg Meuthen (rechts) dem gemäßigten.

Zwei Vorsitzende, zwei Flügel: Tino Chrupalla steht dem rechten Lager der AfD nahe, sein Co-Chef Jörg Meuthen (rechts) dem gemäßigten.

(Foto: Jens Schlueter/AFP)

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kommt die Rechtsaußenpartei nur auf Platz zwei. Aber ist sie damit wirklich besiegt? Eine genaue Analyse der Ergebnisse offenbart Beängstigendes.

Kommentar von Markus Balser

Es sollte ein Triumph werden, ein historisches Zeichen. Der AfD war genau das in Sachsen-Anhalt bei einer Landtagswahl schließlich schon mal gelungen. Vor fünf Jahren hatte sie aus dem Stand fast ein Viertel aller Wählerstimmen geholt und ein politisches Beben ausgelöst. Doch diesmal kam es anders. Die AfD hat einige Prozentpunkte, viele Direktmandate und vor allem den Kampf um Platz eins im Parlament verloren. Seit Sonntag ist die Genugtuung unter vielen Gegnern deshalb riesig. Die politische Konkurrenz hakt den Angriff der Rechten ab. Die AfD, so die allgemeine Deutung, ist geschlagen.

Doch die Erleichterung kommt zu früh. Wer sich bei der Wahlanalyse allein auf einen großen schwarzen und einen kleineren blauen Balken konzentriert, übersieht: Diese Wahl förderte deutlich mehr beunruhigende als beruhigende Erkenntnisse über die Lage der AfD ans Licht. Klar wird beim genaueren Hinsehen vor allem eines: Die AfD bleibt brandgefährlich.

Die AfD erodiert nicht, sie ist zur regionalen Volkspartei geworden

Zerschlagen hat sich in jedem Fall die Hoffnung ihrer Gegner, die Partei erodiere, wenn ihr beherrschendes Thema, die Migration, nicht mehr so im Fokus steht. Denn sie hängt nicht mehr ab von einzelnen Themen oder Personen. Sie hat gerade mit so blassen wie unbekannten Kandidaten in Sachsen-Anhalt mehr Stimmen geholt als SPD, Grüne und FDP zusammen. Die AfD ist keine vorübergehende Erscheinung mehr. Vor allem in Ostdeutschland wird sie von einer großen Kernwählerschaft gestützt. Sie ist in erstaunlich kurzer Zeit zur regionalen Volkspartei geworden. Sie hat in den Parlamenten Wurzeln geschlagen.

Das ist zwar kein Garant für weitere Erfolge. Aber eine ziemlich gute Basis. Schon jetzt scheint klar zu sein, dass sich Deutschland auch im Bundestag auf weitere Jahre mit einer äußerst rechten Partei einstellen muss. Die erst 2013 gegründete AfD bekommt nach den ersten Wahlerfolgen derzeit mit dem Wiedereinzug in die Parlamente eine Gelegenheit, ihr Netzwerk auszubauen, ihre Finanzkraft zu stärken und sich weiter zu professionalisieren.

Das Problem: Sie punktet vor allem bei den Jungen

Vor allem aber wird mit der Wahl von Sachsen-Anhalt ein weiterer Rechtsruck der gesamten Partei immer wahrscheinlich. Schon seit Monaten ringen das für AfD-Verhältnisse gemäßigte Lager um Parteichef Jörg Meuthen vor allem aus den westlichen Landesverbänden mit dem äußerst rechten Lager um Vordenker wie Co-Chef Tino Chrupalla vor allem aus dem Osten um die Macht in der Partei. Lange hatte Meuthen in den Gremien die Nase vorn. Doch nach dem hohen Ergebnis für den weit rechts geführten Wahlkampf in Sachsen-Anhalt kippt intern die Stimmung. Nun muss Meuthen auf Bundesebene um Einfluss und sogar um sein Amt fürchten. Dass das im Frühjahr verabschiedete Wahlprogramm einen Austritt Deutschlands aus der EU vorsieht und die Wiedereinführung von Barrieren wie Grenzzäunen befürwortet, konnte Meuthen schon nicht mehr verhindern.

Im politischen Wettbewerb trifft diese AfD auf Parteien und Politiker, die sich mit einer Gegenstrategie noch immer erstaunlich schwertun. Ein Teil der Bevölkerung habe "gefestigte nicht demokratische Ansichten", sagt etwa der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, und hofft auf die nächste Generation. Das Problem ist nur: Die AfD hat gerade unter den Jungen viele Wähler. Bei den 18- bis 24-Jährigen lag sie nur knapp hinter der CDU, bei den 25- bis 44-Jährigen sogar klar vor ihr. Post bekamen Erstwähler in Magdeburg übrigens nur von einer Partei: der AfD. Wer die schon jetzt für geschlagen hält, könnte dafür bald die Quittung bekommen.

© SZ/kus
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