Jugendschutz:Brutalität für alle

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Jugendschutz: Szenenbild aus "Verachtung": Die junge Nete (Fanny Bornedal) wird gegen ihren Willen in eine Frauenklinik auf der Insel Sprogø gebracht.

Szenenbild aus "Verachtung": Die junge Nete (Fanny Bornedal) wird gegen ihren Willen in eine Frauenklinik auf der Insel Sprogø gebracht.

(Foto: Henrik Ohsten/ZDF)

In der ZDF-Mediathek war die Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung "Verachtung" ganztags frei verfügbar.

Von Susan Vahabzadeh

Skandinavische Krimis sind nichts für zarte Gemüter, meistens sind sie düster und brutal, und ihre Verfilmungen sind es dementsprechend auch. In der ZDF-Mediathek stand am Dienstag bei den Empfehlungen eine Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung ganz oben, in der ein Kopenhagener Ermittlerteam versucht herauszufinden, was es mit drei eingemauerten, um einen Esstisch gruppierten mumifizierten Leichen auf sich hat. Die sieht man dann immer wieder, auch auf den Bildern der Ermittler, vor sich Einmachgläser mit ihren Genitalien. Die Spur führt zu einer längst geschlossenen Frauenklinik, in der ähnlich früher einmal Mädchen mit Sinn für sexuelle Selbstbestimmung verschwanden und zwangssterilisiert wurden. Das ist kein schlechter Film, er ist spannend, legt Spuren in die Gegenwart. Aber er ist eben ganz schön grausig.

Im Fernsehen und bei Streaming-Anbietern ist das, was man in "Verachtung" sieht, Alltag. Im speziellen Fall heißt das: mumifizierte Leichen, blutverschmierte Gesichter, eine sexuelle Nötigung und zwei versuchte Vergewaltigungen. Ausstrahlungszeiten sind, seit es das Internet gibt, passé. Die SZ erreichte eine Leseranfrage: Warum ist "Verachtung", ausgestrahlt am Abend um 22.15 Uhr, in der Mediathek des ZDF tagsüber frei verfügbar? "Verachtung" ist von 2018 und hat eine FSK-Freigabe von 12 Jahren, die Begründung kann man auf der Website der FSK, die von den Dachverbänden der Filmwirtschaft unterhalten wird, einsehen: "Dramatische und emotional intensivere Szenen sind stimmig in die Dramaturgie eingebunden und entfalten keine nachhaltig ängstigende Wirkung", steht da. Und weiter: " Auch die behandelten Themen wie Missbrauch, Vergewaltigung, Zwangssterilisation und Nazi-Ideologie sind in einer Weise inszeniert, die Jugendliche ab 12 Jahren nicht überfordert."

Die Nerd-Komödie "Big Bang Theory" hat bei Netflix die gleiche Altersbeschränkung wie der Olsen-Thriller

Ob mumifizierte Leichen und sexualisierte Gewalt für Zwölfjährige das Wahre sind - darüber kann man allerdings streiten. Altersvorgaben durchsetzen müssen Eltern selbst, auch wenn es schwierig ist. Dennoch könnte man auch, wenn man noch nicht zwölf ist, in der ZDF-Mediathek, auf dem Weg zur Märchen-Leiste oder ZDF-Tivi, auf alles Mögliche draufklicken. Muss das sein? Die Reaktion des ZDF auf eine Anfrage, ob trotz des FSK-Freigabe eine Beschränkung angemessen wäre: "Nach redaktioneller Einschätzung wird der Film künftig in der Zeit zwischen 20 Uhr und sechs Uhr in die Mediathek gestellt."

Mit der FSK ist es so: Das Kürzel steht für "Freiwillige Selbstkontrolle", man kann hier Filme zur Begutachtung vorlegen, der Streaming-Anbieter Netflix aber nimmt daran nicht teil - der macht bei den Eigenproduktionen selbst Altersempfehlungen. Bei Netflix übernimmt bei bereits begutachteten Filmen und Serien die der FSK, oder auch nicht - "Big Bang Theory" hat bei Netflix eine Altersempfehlung von zwölf Jahren, obwohl die FSK sich dafür nur bei einzelnen Episoden entschieden hat, die meisten sind dort ab sechs Jahren freigegeben oder haben gar keine Altersbeschränkung. Zu denen, die ab zwölf Jahren freigegeben sind, gehört eine namens "Die Beischlafvermutung". Das wäre also die gleiche Altersbeschränkung wie bei "Verachtung", allerdings darf man sich schon wundern, wenn ein paar schlüpfrige Gags so verstörend sein sollen wie eine Vergewaltigungsszene, ganz egal, wie sie inszeniert ist. Nun kann man sagen: So, wie das Internet beschaffen ist, und in Zeiten, wo viele Kinder Pornos auf ihren Handys gucken, ist das egal. Aber das würde bedeuten: Den Jugendschutz haben wir aufgegeben.

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