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Interview am Morgen: Struktureller Rassismus:"Die Annahme, hinter Gittern säßen nur verurteilte Verbrecher, ist vollkommen falsch"

World Premiere of 'When They See Us'

Filmemacherin Ava DuVernay bei der Weltpremiere von "When They See Us" in New York

(Foto: AP)

Ava DuVernay hat "When They See Us" gedreht, eine Serie zur Ungerechtigkeit der US-Justiz. Ein Gespräch über Rassismus, Armut und Hoffnung.

Ava DuVernay, 1972 im kalifornischen Long Beach geboren, nimmt sich in ihren Filmen gern große reale Themen vor. Im Dokumentarfilm 13th erzählte die Regisseurin von der Abschaffung der Sklaverei in den USA, in Selma widmete sie sich 2014 Martin Luther King und den Märschen der Bürgerrechtsbewegung. DuVernays erste Serie When They See Us, die gerade auf Netflix zu sehen ist, handelt von fünf Teenagern, die für die Vergewaltigung einer Joggerin 1989 ins Gefängnis kamen und deren Unschuld erst 2002 bestätigt wurde. Ein Gespräch über Ungerechtigkeit, Vergebung und Optimismus.

SZ: Miss DuVernay, die Idee, eine Serie über das dunkle Kapitel der US-Justizgeschichte zu machen, kam über Twitter zu Ihnen. Einer der Verurteilten schlug Ihnen dort vor, über den Fall zu drehen. Wie ging es weiter?

Ava DuVernay: Natürlich nehme ich mir nicht jeden Vorschlag zu Herzen, den jemand in meine Richtung twittert. Aber die Nachricht von Ray Santana sprach mich auf Anhieb an. Der Fall hatte mich als Teenager in Kalifornien sehr bewegt, schließlich waren diese Jungs auf der anderen Seite des Landes damals in meinem Alter. Ich traf mich mit Ray in New York, er stellte mir die anderen vier Männer vor, und ich war mir schnell sicher, dass ihre Geschichte erzählenswert ist.

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Ein Schwerpunkt liegt deshalb auf der Alltagsrealität junger Afroamerikaner.

Ich wollte ein Gefühl dafür vermitteln, dass man als junger schwarzer Mann in den USA eigentlich automatisch in den Verdacht gerät, irgendwie kriminell zu sein. Ohne dass man irgendetwas getan hätte, sondern rein durch Anwesenheit. Das ist heute nicht anders als vor 30 Jahren. Ich will nicht sagen, dass sich nicht einiges verändert hätte in unserer Gesellschaft. Aber niemand kann sich guten Gewissens hinstellen und behaupten, ein Fall wie der der Central Park Five könne sich heute nicht mehr ereignen. Im Gegenteil müssen wir davon ausgehen, dass es seit 1989 allerlei ähnliche Fälle gegeben hat und unschuldige Männer in unseren Gefängnissen sitzen. Das zu verstehen und anzuerkennen, dabei kann der Blick, den die Serie zurückwirft, hoffentlich helfen.

Klingt nach erzieherischem Anliegen.

Mir ging es einerseits darum, den fünf Betroffenen die Ehre zu erweisen. Andererseits wollte ich die großen, weit über diesen einen Fall hinausgehenden Ungerechtigkeiten unseres Systems aufzeigen, von aggressiven Polizeimethoden über Details des Prozesssystems und der Gefängnisverwaltung bis hin zur späteren Reintegration in den Alltag. Die Annahme, hinter Gittern säßen nur verurteilte Verbrecher, ist zum Beispiel vollkommen falsch.

Was haben Ihre Recherchen ergeben?

Fast 90 Prozent aller Insassen in den USA haben überhaupt nie ein Gerichtsverfahren erlebt. Sie haben sich schuldig bekannt, sei es freiwillig oder weil sie dazu genötigt wurden. Geld ist ein anderer wichtiger Aspekt, denn viele - vor allem afroamerikanische Häftlinge - sitzen vor allem deswegen im Gefängnis, weil sie die Kaution nicht bezahlen können. Und nach der Entlassung geht die Ungerechtigkeit weiter, denn als Straftäter darf man in den USA nicht wählen, bekommt kaum Jobs, darf keine staatliche Unterstützung beziehen und so weiter.

Ava DuVernay, 46, Regisseurin der Serie "When They See Us".

(Foto: Rebecca Cabage/Invision/AP)

Sie bezeichnen dieses System als kaputt. Würden Sie das gleiche Urteil auch über die amerikanische Gesellschaft fällen?

Letztlich ja, denn wir sind es, die dieses System zulassen und ermöglichen. Indem wir bestimmte Personen wählen. Oder indem wir Kleidung kaufen, die durch Gefängnisarbeit entstanden ist. Das ist ein weites Feld, aber ohne Frage leben wir in einem Raum, der vom Schmerz und der Bestrafung anderer Leute profitiert, deren Schicksal wir weit von uns wegschieben, weil sie im Gefängnis sitzen.

Unter Präsident Obama war die Hoffnung auf eine Verbesserung spürbar, doch seit der Wahl von Trump scheint sich die gesellschaftliche Situation zu verschlechtern und zu verschärfen. Deprimierend?

Ich blicke weiter hoffnungsvoll in die Zukunft, einfach, weil mir ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass es immer dunkle Kapitel zu durchlaufen gibt und dennoch stets Licht am Ende des Tunnels ist.

Wo sehen Sie die Düsternis?

Was mich erschreckt, ist die Tatsache, mit welcher Leichtigkeit in kürzester Zeit Grundwerte, Errungenschaften und Einrichtungen plötzlich erschüttert, beschädigt oder gar zerstört werden. Dass sie offenbar nicht auf festem Fundament erbaut waren, sollte uns zu denken geben. Noch ist der Schaden aber nicht so groß, dass wir das Ruder nicht noch herumreißen könnten. Wenn wir jetzt aufwachen, aufbegehren und kämpfen, dann ist mein Optimismus hoffentlich nicht unbegründet.

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