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Bayerischer Rundfunk:Ulrich Wilhelm tritt als BR-Intendant nicht mehr an

Rundfunkrat

Zehn Jahre lang war Ulrich Wilhelm BR-Intendant.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Nach zehn Jahren "voller spannender Herausforderungen" sei es Zeit, im kommenden Februar "das Haus zu übergeben".

Von Claudia Tieschky

Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks, wird für eine neue, dritte Amtszeit ab Februar 2021 nicht mehr zur Verfügung stehen. Das teilte der 59-Jährige an diesem Freitag in einer Erklärung mit. Der Rundfunkrat des BR steht nun vor der nicht ganz leichten Aufgabe, eine geeignete Nachfolgerin oder einen geeigneten Nachfolger für Wilhelm an der Spitze der viertgrößten ARD-Anstalt zu finden und zu wählen.

"Nach reiflicher Überlegung und intensiver Abwägung der Argumente", so Wilhelm, habe er sich "zugegebenermaßen schweren Herzens" gegen eine weitere Kandidatur entschieden. Die zehn Jahre "voller spannender Herausforderungen waren eine gute Zeit", die ihm viel Freude gemacht habe. Besonders hob Wilhelm den Umbau des BR zu einem trimedialen Medienhaus hervor, für das derzeit ein Neubau auf dem Sendergelände in Freimann entsteht. Das Ende seiner derzeitigen Amtszeit sei der richtige Zeitpunkt, das Haus zu übergeben, entscheidende Etappen des Umbauprozesses seien erfolgreich abgeschlossen. Er werde sich in den verbleibenden sieben Monaten "weiter mit ganzer Kraft und Leidenschaft" für den BR einsetzen.

Im Haus hatte die Ungewissheit für Gesprächsstoff gesorgt

Rundfunkratschef Lorenz Wolf wird nun nach der Geschäftsordnung die Mitglieder des Gremiums schriftlich auffordern, innerhalb von mindestens sechs Wochen Kandidaten für die Wahl vorzuschlagen. Eine öffentliche Ausschreibung ist im BR nicht vorgesehen. Nach Ablauf der Vorschlagsfrist wird in Abstimmung mit dem Ältestenrat des BR ein Wahltermin festgelegt. Das Rennen ist derzeit völlig offen.

Wilhelms Schritt kommt allerdings nicht völlig überraschend. Gerüchte darüber, dass er nicht noch einmal kandidieren könnte, hat er selbst befeuert, in dem er mit einer Festlegung lange zögerte. Vor wenigen Wochen noch hatte er in einem Interview von seinen Zweifeln gesprochen. Er müsse genau abwägen und wolle sich "bis zur Sitzung des Rundfunkrats im Oktober" Zeit nehmen; später hieß es, er wolle sich kommende Woche bei der letzten Sitzung des Rundfunkrats vor der Sommerpause erklären. Im BR hatte die Ungewissheit für Gesprächsstoff gesorgt. Selbst enge Mitarbeiter hatten offenbar keine Ahnung, wie Wilhelm entscheiden würde. Leitende BR-Leute erfuhren es nun in einem Brief vorab.

Wilhelm war 2011 als Wunsch-Nachfolger des damaligen Intendanten Thomas Gruber ins Amt gekommen. Nicht unumstritten - weil Wilhelm davor Regierungssprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel gewesen war und davor für den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, CSU, gearbeitet hatte. Mit übergroßer Nähe zu Stoibers Nachfolgern ist Wilhelm indes nicht aufgefallen.

Dafür betrieb er radikal den Umbau des BR - von einem Haus, das klassisch nach den Ausspielwegen Fernsehen, Hörfunk und Online strukturiert war, zu einem integrierten und nach Inhalten organisierten "trimedialen" Sender. Für den Neubau, den er nun nicht mehr selbst einweihen wird, zeichnete Wilhelm für den BR eine Schuldverschreibung über 200 Millionen Euro, die über Jahrzehnte in kleinen Raten abfinanziert werden soll. Dass sich Mitarbeiter von den Veränderungen überfordert und nicht ausreichend informiert fühlten, begriff der Intendant wohl nach und nach. Die Reform hat ihre Ursache zwar nicht im wachsendem Spardruck, sie wurde aber von Streichungen überlagert, das machte den Prozess nicht leichter. Das Sparen wird weitergehen, selbst wenn die Rundfunkabgabe 2021 steigen kann, wogegen sich einige Länder sperren.

Vor wenigen Tagen nun hat der BR seine Direktionen komplett nach den Themen Information und Kultur geordnet. Übrigens werden beide BR-Direktionen von Männern geleitet, was dafür sprechen könnte, die Senderspitze nun vielleicht endlich einmal mit einer Frau zu besetzen. Aber zurück zu Wilhelm, der durchaus überraschen konnte: So zog er 2017 aus strategischen Gründen völlig unerwartet den Plan zurück, BR Klassik von seinem UKW-Platz zu nehmen - den er zuvor gegen erbitterte Widerstände durchgefochten hatte. Sein Einsatz für den Bau eines neuen Münchner Konzertsaals ist ebenso hartnäckig wie sein Engagement für das sperrige und schwer zu erklärende Thema, das ihn umtreibt: Dass die EU den Infrastrukturen der US-Digitalkonzerne entgegentreten und einen eigenen Raum für eine europäische digitale Öffentlichkeit schaffen müsse. Man tut ihm gewiss nicht Unrecht mit der Einschätzung, dass er ein Mann der grundsätzlichen und von vielseitiger Lektüre geprägten Gedanken ist.

Im Kreis der ARD-Intendanten, wo er 2018 und 2019 den Vorsitz führte, verweigerte Wilhelm sich zuletzt öfter dem Konsens. Die Entscheidung, eine öffentlich-rechtliche Kulturplattform in Ostdeutschland anzusiedeln, trug er als einziger nicht mit und kritisierte, sie sei als Gegengeschäft für eine Zustimmung Sachsen-Anhalts zum neuen Rundfunkbeitrag interpretierbar. Es dürfte durchaus Senderchefs geben, die nun klammheimlich Erleichterung über den Rückzug des Südkopfs verspüren.

© SZ/dpa/tmh/ebri/tmh
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