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TV-Kritik: Anne Will:Der Ekel vor der Politik

Zum Jahresende diskutieren Franz Müntefering, Joachim Gauck und Edmund Stoiber über wütende Bürger und wundgescheuerte Politikerseelen - und die Frage, wie weit Politik und Volk wirklich voneinander entfernt sind.

Man konnte im Laufe des Jahres den Eindruck gewinnen, deutsche Politiker hätten gerne ihr Volk aufgelöst und sich ein neues gewählt. Eines, das seine Kinder ohne Murren auf die dafür vorgesehenen Schulen schickt, das Atomkraftwerke mag und sich über einen schicken neuen Bahnhof in Stuttgart freut. Und das nicht ständig Plakate schwenkend auf die Straße geht.

Anne Will bekommt neuen Sendeplatz - doch welchen?

"Auftritte, Fehltritte, Rücktritte - Das Jahr 2010": Anne Will zieht mit ihren Gästen Bilanz.

(Foto: dpa)

Als sie merkten, dass das mit dem Auflösen nicht so einfach ist - genauso wenig wie der Umgang mit Parteifreunden und Journalisten -, haben erstaunlich viele Spitzenpolitiker ihren Hut genommen. Anne Will hat die letzte Sendung dieses Jahres den "Auftritten, Fehltritten, Rücktritten" des Jahres gewidmet. Und der Frage, ob die Kluft zwischen dem Volk und seinen Vertretern dadurch - noch - größer geworden ist.

Im Fall von Bundespräsident Horst Köhler rätselte die Runde aus Politikern und Journalisten vor allem über den wahren Grund für seinen überraschenden Rücktritt am 31. Mai. "Die Seele muss völlig wundgescheuert sein, wenn man bei so einem geringen Anlass so eine Entscheidung trifft", vermutete Ex-Vizekanzler Franz Müntefering (SPD). Köhler hatte seinen Rücktritt mit der zu heftigen Kritik an seiner Äußerung zum Afghanistaneinsatz gerechtfertigt.

Dass sich der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der Hamburger Oberbürgermeister Ole von Beust und der Wahlverlierer Jürgen Rüttgers aus Nordrhein-Westfalen (alle CDU) aus der Politik verabschiedet haben, fand man in der Runde weniger schockierend. Die Autorin Kirsten Brodde war sogar dafür, dass öfter mal einer kommt und geht, und schlägt eine Quote für politische Quereinsteiger vor, was ihr begeisterte Zustimmung von Joachim Gauck einbrachte. Der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde war nach Köhlers Rücktritt als Kandidat gegen Christian Wulff angetreten - trotz Niederlage eine "sagenhafte Erfahrung". Verständis für politikmüde Politiker äußerten auch Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und Edmund Stoiber (CSU), früher bayerischer Ministerpräsident, heute ehrenamtlicher Bürokratieabbauarbeiter in Brüssel.

Nun gut, der unzufriedene Politiker zieht sich zurück, und was machen unzufriedene Bürger? Können sie nur in einer Partei wirklich etwas erreichen (Müntefering) oder gehen dort die Inhalte beim parteipolitischen Taktieren verloren (Brodde)? Und wer ist letztendlich wichtiger für den politischen Prozess: die Partei im Rücken (Stoiber) oder die charismatische Führungsfigur, die die Herzen der Menschen erreicht (di Lorenzo)?

"Jeder hat das Recht, auch mal Blech zu reden"

Bevor die Sendung zum politischen Proseminar verkam, versuchte Anne Will mit Erinnerung an den Provokateur Thilo Sarrazin Öl ins Diskussionsfeuer zu gießen. Die Thesen des SPD-Politikers zur Integrationspolitik war bei Politikern und Journalisten größtenteils auf Ablehnung gestoßen, fanden aber in großen Teilen der Bevölkerung Zuspruch - Sarrazins Buch steht seit 15 Wochen an der Spitze der Bestsellerlisten. "Jeder hat das Recht, auch mal Blech zu reden", befand Zeit-Chef di Lorenzo gelassen, und auch Franz Müntefering lies sich keine konkrete Äußerung zu dem geplanten Parteiausschluss Sarrazins entlocken.

Anne Wills Jahresrückblick brachte neben einigem Klugen auch viel Erwartbares: Gauck sprach so salbungsvoll, als wollte er sich immer noch als Bundespräsident empfehlen, Edmund Stoiber mäanderte gewohnt zerstreut durch seine Gedankenwelt und verhaspelte sich immer wieder YouTube-tauglich ("Wir hatten Angst, dass die Todesstrafe abgeschafft wird.").

Nur wie groß die Kluft zwischen Politik und Volk nun wirklich ist, konnte an diesem Abend nicht ermittelt werden. Joachim Gauck erinnerte aber daran, dass Deutschland gar nicht so schlecht dastehe. Man solle die Politiker hier nicht immer an der Idealvorstellung messen, sondern einfach mal mit jenen in anderen Ländern vergleichen: "Sie werden sehen, dann kommt uns ganz schnell dieser Ekel abhanden."