TV-Ereignis Olympia:"Plumps, aus, vorbei"

Hauptsache Emotion: In der Fernseh-Berichterstattung über die Olympischen Spiele wird auf die Gefühle gefallener Helden wenig Rücksicht genommen - vor allem dann, wenn sie aus Ländern kommen, die ohnehin nicht den besten Ruf haben.

Paul Katzenberger

Olympia gebiert große Sieger und tragische Verlierer - sie bilden häufig These und Antithese des Wettbewerbs, die für die Ausschlachtung im Fernsehen allerdings gleich gut verwertbar sind. Das Bild, das entsteht, wenn Usain Bolt den "Lightning Bolt" gibt, ist etwa so ausdrucksstark wie der im Rollstuhl sitzende Liu Xiang. Der war im 110-Meter-Hürden-Rennen bei der ersten Hürde gestürzt, danach zur letzten Hürde gehüpft, hatte diese geküsst und war dann von den Konkurrenten gestützt worden, die inzwischen ihren Lauf absolviert hatten. Schon wieder kein Gold für den Mann, der bereits in Peking die große tragische Figur des chinesischen Sports war.

Olympia

Er soll sofort erklären, wie das passieren konnte: Liu Xiang küsst nach seinem Ausscheiden beim 110-Meter-Hürden-Rennen in London die letzte Hürde.

(Foto: AFP)

Umso mehr war das Drama des Liu Xiang aber für Peter Leissl vom ZDF ein gefundenes Fressen: "Plumps, aus, vorbei - er muss erklären, wie das passieren konnte", forderte der Sportexperte, während die Kamera ununterbrochen auf Lius schmerzverzerrtes Gesicht hielt. Der machte sich im Augenblick seiner geplatzten Hoffnungen wahrscheinlich zu allerletzt Gedanken darüber, was er Leissl und uns zu erklären hat, sondern vermittelte vielmehr den Eindruck, dass es besser wäre, einfach mal von ihm wegzuschalten.

Doch darauf darf ein Liu nicht hoffen - die Achtung der Privatsphäre zählt nicht zu den Rechten von Olympiateilnehmern - zumindest nicht, solange sie noch im Stadion liegen, stehen, hüpfen, humpeln, kriechen - oder im Rollstuhl sitzend davongekarrt werden. Und so war es nur logisch, dass Leissl der Welt und sich erste wichtige Fragen zur Zukunft des Mannes aus Shanghai stellte: "Ist das gleichbedeutend mit dem Karriereende? Die nächsten Spiele sind jetzt weit, weit weg, dann ist er 33."

Das klingt nicht nach der Empathie mit einem glücklosen Mitmenschen, wie sie zwar nicht den deutschen Schwimmern, dafür aber Timo Boll zuteilwurde, nachdem er im Tischtennis-Einzelwettbewerb dieser Spiele eine schwache Leistung abgeliefert hatte. Zwei Tage nachdem die "deutsche Medaillenhoffnung" bereits im Achtelfinale am Weltranglisten-27. Adrian Crisan gescheitert war, fragte NDR-Reporter Thorsten Püschel ganz behutsam bei Boll nach, woran's denn gelegen haben könnte.

Es waren die Aufschläge, erfuhr das Publikum, an denen der Europameister selbstverständlich schon wieder - an eigentlich trainingsfreien Tagen - arbeitet. Alles nur ein kleiner Betriebsunfall: Boll bleibt für die ARD auch in der Niederlage der sympathische und disziplinierte Recke, der unverdrossen weiterkämpft, wahrscheinlich bis zu den Olympischen Spielen 2016, bei denen er dann 35 wäre.

Der Trost, Mensch geblieben zu sein

Im Vergleich wirkt der Umgang des ZDF mit Liu wie die kühle Abrechnung mit einem selbstverschuldet gefallenen Konkurrenten. Am Vortag hatte sich auch die ARD recht indezent gegenüber Viktoria Komowa aus Russland verhalten, die im Finale der Frauen am Stufenbarren Elisabeth Seitz aus Mannheim zwar mit deutlichem Abstand hinter sich ließ, doch die Enttäuschung über erhofftes Gold nicht verbergen konnte.

Gerade deswegen suchte die Kamera aber immer wieder ihre Gesichtszüge - "sie ist das Verlieren nicht gewöhnt", lautete der fast schon höhnische Kommentar zum Fernsehbild.

Mancher Zuschauer fragt sich bei solchen Szenen womöglich, ob das fehlende Mitgefühl mit mangelnder Souveränität zusammenhängen könnte. Denn vielleicht ist das deutsche Fernsehen, das für ein Land sendet, das von einer olympischen Großmacht zur Mittelmacht abgestiegen ist, nicht ganz frei von Gereiztheiten gegenüber denjenigen, die im Medaillenspiegel uneinholbar vorbeigezogen sind.

Die chinesischen Erfolge erregen in Deutschland ja schon länger ein Misstrauen, das ohne Zweifel Gründe hat, das aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass die Vorwürfe nicht neu sind: Systematisches Doping, menschenverachtende Trainingsmethoden und Sportler, die um ihre Kindheit gebracht wurden, gab es schon zu den Zeiten, als deutsche Athleten im Medaillenspiegel noch vorne mit dabei waren.

Diese Ära ist wohl endgültig passé - doch wer chinesische Athleten als Maschine betrachtet, und selbst verliert, kann sich immerhin damit trösten, Mensch geblieben zu sein. So wie die deutschen Wettkämpfer in London, die inzwischen oft einen Blick in ihr Inneres gewähren - sie reden nicht nur von der Motivation, sondern auch von den Motivationsproblemen. Sie hinterfragen schon im Training alles. Die Chinesen fragten im Training hingegen nach gar nichts. Ihre Erschöpfung gilt als Garantie dafür, im Wettkampf nicht zu verlieren.

Die deutschen Akteure ärgern sich noch immer über Niederlagen - auch öffentlich in der ARD, so wie am Mittwoch das Damen-Quartett im Kajak-Vierer über die verpasste Goldmedaille. "Aber durch mich ist der Weltfriede nicht gefährdet", sagte Schwimmerin Britta Steffen, als sie alle Hoffnungen enttäuscht hatte.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: