Türkei "Hürriyet" hält Interview mit Orhan Pamuk zurück

  • Die türkische Zeitung Hürriyet veröffentlicht ein kritisches Interview mit Orhan Pamuk nicht.
  • Der Literaturnobelpreisträger kritisiert darin Erdoğans Präsidialreform.
  • Als Grund führt Hürriyet an, "nicht Teil der Ja- oder Nein-Kampagne zu sein".
Von Christiane Schlötzer

Von Zensur will Orhan Pamuk, der türkische Literaturnobelpreisträger, nicht sprechen. Denn Zensur ist ein zu schwaches Wort für das, was die Zeitung Hürriyet mit einem Pamuk-Interview tat. "Sie haben nicht ein oder zwei Zeilen gestrichen, sie haben es überhaupt nicht veröffentlicht." Pamuk, 64, gibt nicht gerade häufig Interviews; wenn er es doch tut, dann sagt er gewöhnlich offen, was er denkt, auch wenn es der türkischen Regierung nicht passt, zum Schicksal der Armenier beispielsweise.

Mit Hürriyet hatte Pamuk über das Präsidialsystem gesprochen, mit dem Recep Tayyip Erdoğan alle Macht an sich ziehen will. Darüber soll im April in einer Volksabstimmung entschieden werden. In dem ungedruckten Interview hatte Pamuk gesagt, er werde bei dem Referendum "mit Nein stimmen". Auch die Gründe dafür habe er erläutert, sagte der Autor der türkischen Anti-Zensur-Website Susma Platformu (Schweige-Nicht-Plattform).

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Hürriyet ist die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei (328 000 Exemplare), sie gehörte bislang zu den ganz wenigen Blättern, die sich weder völlig von der Regierung vereinnahmen ließen noch klar auf Oppositionskurs gingen. Die Doğan-Mediengruppe, zu der Hürriyet gehört, erklärte nach dem Wirbel um den Pamuk-Text, sie sei bemüht, "nicht Teil der Ja- oder der Nein-Kampagne zu sein" und den Türken eine "gesunde Entscheidung" zu überlassen. Deshalb würden auch alle Sichtweisen mit den jeweiligen Begründungen veröffentlicht.

Genau das aber hat Hürriyet nun nicht getan. Am Samstag wurde bereits ein Moderator des Doğan-Senders Kanal D gekündigt, weil er die Verfassungsänderung per Tweet kritisiert hatte. Doğan sah dies als Verstoß gegen die Neutralitätspflicht seiner Mitarbeiter.

Pamuk hat klar gemacht, dass Hürriyet das Interview führen wollte. Er hatte zuvor schon die massenhaften Inhaftierungen von Regierungskritikern, darunter Dutzende Journalisten, kritisiert. Erst am Dienstag wurde einer der prominentesten Autoren des Landes, Hasan Cemal, 72, wegen angeblicher "Terrorpropaganda" zu einer fünfzehnmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Der Staatsanwalt hatte acht Jahre Haft verlangt.

Der Europarat kritisierte am Mittwoch, in der Türkei habe sich die Justiz in ein Instrument zur Unterdrückung freier Meinungsäußerungen verwandelt. Die Regierung dagegen erklärte, "Terroristen" unterstützen die Nein-Kampagne. Damit dürfte nun kaum noch ein Medium wagen, mit Pamuk oder anderen Kritikern Interviews zu führen.

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