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Trend zum "Second Screen":Wisch dir was

Facebook

Etwa per Facebook lässt sich das Geschehen im TV direkt kommentieren.

(Foto: dpa)

Wer fernsieht, ist heutzutage oft gleichzeitig im Netz. Deswegen versuchen die TV-Sender dort mit einem wildem Digitalmix aus Chatrooms und Rätseln die Aufmerksamkeit zu behalten. Das Bedürfnis der Zuschauer befriedigen andere Plattformen aber meistens besser.

Von Laura Hertreiter und Jürgen Schmieder

Ein Bildschirm vor der Nase, ein zweiter in der Hand: Gehörten früher nur Bier und Chips zu einem gemütlichen Fernsehabend, können viele Zuschauer - laut Studien bis zur Hälfte der Deutschen - mittlerweile auch vor dem TV-Gerät nicht mehr auf ihr Smartphone oder den Tablet-PC als Second Screen, als zweiten Bildschirm, verzichten. Weil das ständige Tippen, Wischen und Scrollen bei Facebook, Twitter oder einfach nur einem Online-Shoppingportal das Publikum mehr und mehr abzulenken droht, haben sich die Sender zum Kampf um die Aufmerksamkeit gerüstet. Und einen wilden Digitalmix für den Zweitbildschirm geschaffen.

Einige wenige Beispiele aus dem Riesenangebot, das den Zuschauer online bei der Sendermarke halten soll: RTL lässt die Zuschauer in Chatrooms über laufende Sendungen diskutieren, Vox stellt Rezepte aus Kochshows auf die Webseite, Pro Sieben veranstaltet Online-Rätselraten und Arte und die ARD experimentieren mit Krimis, die das Publikum im Netz lösen soll. Das ZDF zeigt im Mai einen Thriller über ein Handy, das sich verselbständigt, ein dazugehöriges Programm soll zeigen, wie sich das anfühlt. "Zu Beginn des Films aktiviert, beginnt die App nicht nur im Film, sondern auch in der Realität auf dem mobilen Endgerät des Zuschauers zu agieren", heißt es in der Presseankündigung.

Die Frage ist nur: Will der deutsche Fernsehzuschauer das alles überhaupt? Obwohl der Zweitbildschirm hierzulande noch weit weniger etabliert ist als etwa in den USA, bejubeln ihn auch deutsche Sender als "digitales Lagerfeuer", um das sich die Zuschauer versammeln (ARD), als "große Chance" fürs Umsatzpotenzial (Pro Sieben Sat 1), als "Verlängerung des Fernsehens mit anderen Mitteln" (Arte) und als Intensivierung für das "emotionale Fernseherlebnis" (RTL).

Die Nutzerzahlen des Angebots seien zufriedenstellend, heißt es. Ein Sprecher von Pro Sieben Sat 1 etwa nennt die siebte Staffel der Castingshow Germany's Next Topmodel als Erfolgsbeispiel. Pro Folge hätten 60 000 Zuschauer das Pro-Sieben-Digitalangebot "Connect" genutzt, das sich als "idealer Begleiter zur Sendung etabliert" habe. Das ist allerdings ein geringer Teil der mehr als zweieinhalb Millionen Menschen, die den Modelcontest durchschnittlich im TV verfolgt haben. Außerdem haben nach Senderangaben 60 Prozent der Connect-Besucher den Stream zur Show angeschaut, der dort neben Zusatzinformationen und Chatroom verfügbar war. Connect wurde in diesem Fall also in der Regel nicht begleitend, sondern als Erstbildschirm statt Fernseher genutzt.

Kommunikationswissenschaftler Christopher Buschow, der an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover zu Second Screen forscht, bezeichnet den derzeitigen Second-Screen-Mix der Sender als "Experiment". Ein Modell, wie sich mit den Onlineangeboten Geld verdienen lässt, gebe es noch nicht.

Günstige Werbung fürs Programm

Woher also rührt die Euphorie der Sender für Second Screen, wenn sich der Erfolg so schwer beziffern lässt? Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hält die Hoffnung auf günstige Online-Werbung fürs eigene Programm für den Grund. Selbst und gerade, wenn kein sendereigenes Angebot auf dem Zweitbildschirm laufe: Jede Facebook-Empfehlung, jeder witzige Tweet steigere die Bekanntheit von Formaten, sagt Neuberger. Eine aktuelle US-Befragung bestätigt, dass Social Media Einfluss darauf hat, zu welchem Sender Zuschauer zappen, auch wenn der geringer ist als der klassischer Werbemaßnahmen. "Wer twittert und postet, wird also zur unbezahlten Arbeitskraft für die Werbeabteilung der Sender", sagt Neuberger.

So gesehen erscheint die Euphorie der Sender für Second Screen nicht mehr ganz so befremdlich - auch wenn es zunächst widersinnig erscheint, die Zuschauer vom eigentlichen Kernangebot, der Show oder dem Film im Fernsehen, abzulenken. Buschow kennt die Befürchtungen: "Wenn Sender ein solches Angebot machen, müssen sie ihren Werbekunden immer auch erklären, warum sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer während der Werbeunterbrechung auf ein anderes Gerät lenken." Etwa, als Sat 1 die Zuschauer bei Promi Big Brother dazu einlud, während der Werbung die Webshow anzuschauen.

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