"Tatort" aus Wien:Und oben saufen sie Schampus

TV Ausblick ARD - Tatort - Unten

Sogar der Schmäh von Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) verliert seinen Zauber in diesem "Tatort"

(Foto: Philipp Brozsek/dpa)

"Unten" ist eine flache Milieustudie ohne Zwischentöne. Und am Ende kommt dann alles zusammen, Musik zum Steinerweichen, Messer und - natürlich - Wiener Blut.

Von Holger Gertz

Zur Mitte hin gibt es in diesem ORF-Tatort eine Szene, in der eine obdachlose Frau, in allerbestem Wiener Stil "Sackerl-Grete" genannt, von den Kommissaren etwas zu essen spendiert bekommt. Eigentlich hat sie mit der Gesellschaft gebrochen, schließlich hat sie - wie man vorher erfährt - beim Finanzcrash alles verloren. Aber jetzt, und weil's halt in die Geschichte passt, lässt sie sich mit heißem Kakao besänftigen, läuft den Ermittlern schließlich auch noch hinterher und ist im großen Ganzen natürlich keine Person, die unten angekommen ist. Sondern die zur allerbesten Sendezeit konsumierbare Karikatur einer Person, die unten angekommen ist.

Das ist das Signalwort, sozusagen: "Unten" heißt die mit sehr breitem Pinsel gemalte Milieustudie von Daniel Prochaska. Unten, das ist zum Beispiel das Obdachlosen-Wohnheim "Lebensraum", wo gleich am Anfang natürlich ein Klient die Bananen stiehlt. Und wo man dem totenvogelartig dahin schreitenden Heimleiter zu schnell anmerkt, dass er einen Draht nach oben hat. Oben, also in der besseren Gesellschaft, sind alle verschlagen. Da saufen sie Schampus und reden Business-Englisch. Und wenn es nach unten geht in diesem Tatort, dann wird das gleich überanschaulich gemacht durch entsprechend anklagende Sozialabstiegsmusik.

Gerade am Tatort Wien geht man doch behutsamer mit Sprache um

Sogar der Schmäh der grundsätzlich wunderbaren Ermittler Bibi Fellner und Moritz Eisner (Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer) verliert seinen Zauber, weil in ihren Gesprächen immer wieder sehr hölzern der Ermittlungsstand zusammengefasst wird ("Ich frag mich, wie die alle zusammengehören. Und wenn das ein Drogenring ist: Wer macht was?"). Und weil außerdem die Autoren Thomas Christian Eichtinger und Samuel Schultschik ihr Buch belasten mit floskelhafter Rede: "Der Gregor war kein Kind von Traurigkeit", "Kleinvieh macht auch Mist" - gerade am Tatort Wien geht man doch eigentlich behutsamer mit Sprache um.

Man bleibt trotzdem dran, weil man aus Wien immer noch den Twist erwartet, der das Ganze auf eine andere Ebene hebt. Hier aber bleibt es flach. Unten gegen Oben, schwarz oder weiß. Und die Auflösung läuft mal wieder über verräterische Telefone und noch verräterischere Computer. Beim Showdown schließlich: Wiener Blut und Messer und Musik zum Steinerweichen. Von allem zu viel - und deshalb zu wenig.

Tatort, Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

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