"Tatort" aus Wien Aller Schmäh verdampft

Das Intrigante ist bei diesem Pärchen unschwer zu erkennen: Maria Köstlinger und Michael Masula im Tatort "Gier".

(Foto: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg)

Der ehemals so angenehm warme Wiener "Tatort" baut ab: Nach zähen, aber skurrilen Episoden ist "Gier" von Odenthal'scher Fadheit.

Von Holger Gertz

Die Episoden vom ORF waren jahrelang eine Zier des Formats, mit ihren anspruchsvollen Geschichten und profilierten Kommissaren. Bibi Fellner und Moritz Eisner, zwei innerlich verwundete Menschen, die durch das innerlich verwundete Wien spazieren. Der Kälte der Welt mit gegenseitiger Zugewandtheit zu begegnen, ist eine Kunst, die Fellner (Adele Neuhauser) und Eisner (Harald Krassnitzer) beherrschen wie niemand sonst.

Auch wenn Wien in den Fällen manchmal etwas übersteuert als Fifa- artiger Sammelplatz für sämtliche Ganoven ausgeleuchtet wurde - die Ermittler sah man gern. Menschliche Wärme ist ein sehr einnehmendes Gefühl.

Die vergangenen Folgen waren dann eher zäh, aber verlässlich skurril: eine Begegnung mit der Revolte von 1968, ein leises Echo des Olympia-Attentats von 1972, außerdem eine Geschichte über Drogenhändler im Seniorenheim. Die Folge "Gier" allerdings (Regie: Robert Dornhelm; Buch: Verena Kurth) ist von Odenthalscher Fadheit. Eine junge Frau verätzt sich in einer Chemiefabrik mit Flusssäure, sie stirbt. Und die Ermittler machen sich auf die so langwierige wie langweilige Täter- und Motivsuche. Über das Wesen und Wirken von Schutzanzügen erfährt man jede Menge, es wird geredet und geredet und so viel geredet, dass aller Schmäh unbemerkt verdampft.

Trauer vom Spickzettelchen

Sogar jedes Empfinden soll herbeigequatscht werden. Ist einer verzweifelt, merkt man es nicht, denn er redet ja nur von Verzweiflung: "Wir können so nicht weitermachen. Wir sind ohnehin schon zu weit gegangen. Ich muss jetzt einen Schnitt machen. Und zwar sofort." Ist einer rasend vor Wut und Trauer, hört er sich an, als läse er seine Wut und Trauer vom Spickzettelchen nur ab. "Meine Roswitha hat sterben müssen, weil solche Leute wie ihr hier, die eh schon alles haben, nie genug bekommen können."

Es gibt einen indischen Gärtner, der im Panorama rumsteht wie die Karikatur eines indischen Gärtners. Es gibt auch anmaßend viel Split-Screen-Technik, aber dramatischer wird dadurch nichts.

Die Österreicher haben tolle Tatorte gemacht. Aber dieser hier ist "für die Würschte", wie der große österreichische Fußballer Didi Kühbauer mal gesagt hat, der aus dem Burgenland stammt und also weiß, wovon er spricht.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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