"Tatort" aus Luzern Dieser "Tatort" entwickelt einen ganz eigenen Sog

Sie fallen auf durch flache, erwartbare Beiträge: Die Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) im neuen Schweizer "Tatort" "Die Musik stirbt zuletzt".

(Foto: obs)
  • Der Tatort kommt mit einer Folge aus Luzern aus der Sommerpause.
  • Der Film unter der Regie von Dani Levy ist ein One-Taker, das heißt, es gibt nur eine Kameraeinstellung und keinen Schnitt.
  • Inhaltlich und inszenatorisch liegt "Die Musik stirbt zuletzt" deutlich über dem gewohnten Niveau der Schweizer Episoden.
Von Holger Gertz

"Es ist eine erbärmliche Geschichte heute Abend. So was gibt es nur im Fernsehen", sagt gleich zur Begrüßung der Erzähler. Und allein die Tatsache, dass dieser Tatort einen Erzähler hat, weist darauf hin: mal wieder Zeit für Experimente am Sonntagabend. Zumal der Erzähler auch etwas über das Format und dessen Rituale erzählt: "Deshalb mag ich keine Krimis: Anstatt zu zeigen, bei wem sie das Gift gefunden haben, macht die Regie einen auf Spannung."

Nun ist der Schweizer Tatort aus Luzern in seiner sonst so spektakulären Bräsigkeit ein geeignetes Labor, um mal was Neues zusammenzurühren - kaputtgehen kann ja eh nichts mehr. Aber anders als beim missglückten Laienspiel-Experiment des SWR setzen die Schweizer auf die Qualitäten von Profis und Könnern. Regisseur und Autor Dani Levy, die Darsteller Sibylle Canonica und Hans Hollmann, Kameramann Filip Zumbrunn, der diesen Tatort als One-Taker unter die Leute bringt. Eine Kameraeinstellung, kein Schnitt, keine spürbaren Unterbrechungen. Der Kameramann voraus, das Publikum folgt ihm in Echtzeit durchs Luzerner Kultur- und Kongresszentrum KKL, zu kotzenden Damen aufs Damenklo und auch in die Vergangenheit. Die liegt hinter einer schweren Tür mit der Aufschrift "Kein Zugang".

Viele kleine Ideen sind es, die einen durch diesen theaterhaften Tatort tragen, und die grundlegende Hetzerei zwischen Bühne und Backstage, zwischen Gift und Gegengift, entwickelt ihren eigenen Sog. "Es passiert sowieso" wispert jemand, "noch ist niemand tot" oder "Es ist kein Zufall, dass es heute passiert". Zwischendurch sagt der Erzähler, der zugleich ein talentierter Tatort-Kritiker zu sein scheint: "Im Fernsehen darf man nicht rauchen - wenigstes nicht die positiven Figuren." Und dann geht es weiter in dieser Geschichte über den Mäzen Walter Loving (Hollmann), der im KKL ein Benefiz-Konzert veranstaltet mit Musik von Komponisten, die im Konzentrationslager umgekommen sind. Denn Loving war im Zweiten Weltkrieg ein Retter, aber sein weißer Anzug ist auch besudelt, und darum geht es in der Backstory: wie Schweizer Geschäftsleute Geld gemacht haben mit der Flucht von Menschen.

So liegt "Die Musik stirbt zuletzt" inhaltlich und inszenatorisch deutlich über dem gewohnten Niveau der Schweizer Episoden, wird aber runtergezogen durch die flachen, erwartbaren Beiträge und ranzigen Raunzereien des Ermittlerpaars Flückiger/Ritschard (Stefan Gubser und Delia Mayer). Sie im lachsroten Abendkleid, er im Fußballtrikot mit der Rückennummer 7. Auch was Neues: Tatort-Kommissare, die sich in ihren Tatort nur verlaufen haben.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

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