Missbrauchsvorwürfe gegen R. Kelly Im Sinne der Anklage

Oft beschuldigt, nie verurteilt: Der US-Musiker R. Kelly, 52, wurde erstmals Mitte der Neunzigerjahre Missbrauch vorgeworfen.

(Foto: Kamil Krzaczynski/AFP)
  • Die US-Dokumentation "Surviving R. Kelly", in der mehrere Frauen dem US-Musiker sexuellen Missbrauch vorwerfen, ist nun auch in Deutschland zu sehen.
  • Das Problem an der Sendung: Die Regisseure tun zwar so, als wären sie unvoreingenommen, sie steuern die Meinung Zuschauer jedoch sehr gekonnt.
Jürgen Schmieder

Es gibt in vielen gut erzählten Geschichten diese aufregende Stelle, in der die Handlung zurück zu einem bedeutsamen Punkt in der Vergangenheit hüpft - wenn zum Beispiel oben auf dem Berg jemand einen Stein ins Rollen gebracht hat, der nun das Dorf im Tal und seine Einwohner gefährdet. So ähnlich verhält es sich mit dem Wirbel um die Dokumentarserie Surviving R. Kelly, die nun zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum gezeigt wird: Sie führt das Publikum zurück in die Vergangenheit zu dem Punkt, an dem vor vier Monaten die Aufregung um den Musiker R. Kelly begonnen hat.

In den USA ist in der vergangenen Woche der zweiteilige Film Surviving R. Kelly: The Impact über die Auswirkungen der Doku-Serie ausgestrahlt worden, die im Januar mehr als 28 Millionen Amerikaner gesehen haben. Der Musiker muss sich in zehn Fällen wegen schweren sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten, drei Frauen, die ihn beschuldigen, waren zum fraglichen Zeitpunkt minderjährig, im Falle einer Verurteilung dürfte Kelly den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.

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Es geht in The Impact aber um viel mehr: um die Finanzen von Kelly, der nach seiner Verhaftung im Februar nicht in der Lage gewesen ist, die 100 000 Dollar Kaution selbst zu stellen - und der seit einem halben Jahr keine Unterhaltszahlungen für seine Tochter geleistet haben soll. Es geht um das Interview mit der Journalistin Gayle King im März, bei dem Kelly aufgesprungen ist, sich mit der Faust gegen die Brust getrommelt und gebrüllt hat: "Ihr wollt mich fertigmachen mit dieser Scheiße!" Und es geht natürlich um diese Doku-Serie selbst, die Kellys Anwalt Steve Greenberg in The Impact einen "Hit Job" nennt, einen Anschlag.

In der Serie Surviving R. Kelly berichten mehrere Frauen, von Kelly vergewaltigt, geschlagen, versklavt und als Minderjährige zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein. Die Befragung dieser Frauen findet nicht vor Gericht statt, sondern vor TV-Kameras. Sie sprechen frei, ohne von zweifelnden Fragen unterbrochen zu werden. "Wer solche Behauptungen aufstellt, der sollte sie schon beweisen können", sagt Kellys Anwalt Greenberg nun. "Wir werden sehen, dass die Vorwürfe nicht wahr sind."

Das ist der maßgebliche Unterschied zwischen The Impact und Surviving R. Kelly: Der Beschuldigte oder wenigstens sein Anwalt dürfen sich zu den erhobenen Vorwürfen äußern, auch ihre Stimme wird gehört und nicht nur die der Frauen.

Die Regisseure von Surviving R. Kelly, Nigel Bellis und Astral Finnie, tun zwar so, als wären sie unvoreingenommen, sie steuern die Zuschauer jedoch handwerklich derart gekonnt, dass die am Ende fast gar nicht anders können, als Kelly für ein Monster zu halten, das durch seinen Reichtum und Ruhm in der Lage gewesen ist, furchtbare Taten zu begehen und sich durchs Justizsystem zu schlängeln. Womöglich ist er das, vielleicht aber auch nicht. Diese zweite Möglichkeit ignoriert Surviving R. Kelly allerdings komplett.

Die Zuschauer im deutschsprachigen Raum kennen die Entwicklungen der vergangenen Monate, Surviving R. Kelly dürfte sie deshalb nicht so schockieren wie die Amerikaner. Sie können die Serie nüchterner betrachten. Als Startpunkt einer Geschichte, die noch lange nicht zu Ende ist - und bald in einen Gerichtssaal verlegt wird.

Surviving R. Kelly, A&E, 18. bis 20. Mai, 20.15 Uhr.

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