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Psychologie-Podcasts:Normalgestört

Illustration: Jessy Asmus

Hat das Leben einen Sinn? Wie kann ich besser abschalten? Psychologie-Podcasts werden immer populärer. Sie versuchen, Antworten auf große Fragen und kleinere Alltagssorgen zu finden. Gelingt ihnen das?

Von Mareen Linnartz

Man fragt sich das ja schon manchmal, bei der gefühlt tausendsten Spazierrunde, beim Einkauf im Supermarkt oder einer längeren Zugfahrt im fast leeren Abteil: Warum hat mich der Jogger gerade angerempelt? Hat er mich nicht gesehen, ist er wütend? Faszinierend, wie lange die ältere Frau drüben in der Gemüseabteilung mit der Auswahl von Avocados beschäftigt ist - sie scheint die Ruhe weg zu haben, wobei: Ein bisschen mürrisch wirkt sie schon. Warum wiederum lächelt der einsame Mitreisende drei Reihen weiter, während er aus dem Fenster schaut? Ist er verliebt? Oder ruft er das Gefühl ab, wie er noch wenige Stunden zuvor einen kleinen warmen Kinderkörper auf dem Arm gehalten und ihm am Nacken einen Kuss gegeben hat?

Wie also geht es all den Menschen um einen herum, ihrem Gemüt, ihrer Seele? Brauchten sie schon einmal psychologische Hilfe?

Danach werden Passantinnen und Passanten auf der Berliner Sonnenallee im Intro vor der ersten Folge des Podcasts Therapieland gefragt, genauer: Haben Sie eine Therapie gemacht? Die Antworten an sich sind schon erstaunlich ("Ja. Weil mein jüngster Sohn gestorben ist" - "Dazu bin ich zu stabil"), aber noch bemerkenswerter ist, wie sie gegeben werden. Mit größter gelassener Selbstverständlichkeit. Niemand, der das Ansinnen übergriffig findet, einige, die so bereitwillig Auskunft geben, als hätte sie jemand gefragt, was ihre Lieblingsfarbe ist oder was sie am Abend kochen wollen.

Die Deutschen reden heute deutlich lieber als noch vor wenigen Jahren darüber, wie es ihnen wirklich geht, was sie belastet, welche Alltagssorgen sie umtreiben. Prominente wie der Skispringer Sven Hannawald haben ihre Depressionen oder Angststörungen öffentlich gemacht. Und zeigen damit, wie auch das zum Leben dazugehören kann - nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sind jedes Jahr knapp 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen, fast 18 Millionen Menschen. Das ist viel.

Man wohnt einem Gespräch von Freunden bei, ohne sich dabei voyeuristisch zu fühlen

Für all diese, aber auch jene, die sich grundsätzlich um ihre mentale Gesundheit kümmern wollen - oder sich einfach für die menschliche Psyche interessieren - gibt es ein immer größer und unüberschaubar werdendes Angebot an Psychologie-Podcasts. Die Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl ("Das Kind in dir muss Heimat finden") gehört dazu, in ihrem millionenfach abgerufenen Podcast So bin ich eben verhandelt sie große Fragen ("Hat das Leben einen Sinn?") in wirklichkeitsnahem Ton genauso wie kleinere Alltagsprobleme ("Wie kann ich meine Potenziale im Job ausschöpfen?"). Sie wendet sich erkennbar an eine große Zuhörerschaft, und dabei vor allem an die "Normalgestörten", wie es in der Ankündigung zur Sendung heiß. Für einzelne Normalgestörte ist gerade noch ein weiterer Podcast mit Stahl angelaufen: In Stahl aber herzlich bespricht sie jedes Mal ein Problem mit echten Klienten und Klientinnen.

Bekannte Namen ziehen, klar, und so hat beispielsweise auch der Schriftstellers Jakob Hein, der außerdem auch Psychiater ist, ein eigenes Format. In Verrückt lässt er Gäste unter anderem beschreiben, wie sie mit ihrer Schizophrenie leben, in einer Folge erzählt der Rammstein-Keyboarder Flake von seinen Ängsten. Wie die beiden sich leicht berlinernd unterhalten, lässt ahnen, wie gut sich diese mediale Plattform für solche Themen eignet: Man wohnt einem Gespräch von Freunden bei, ohne sich voyeuristisch zu fühlen. Und auch die bekannte Schauspielerin und studierte Psychologin Karoline Schuch ("Für immer Sommer 90") hat seit Kurzem eine eigene Reihe: In Am liebsten gut spricht sie mit Müttern an der Belastungsgrenze und Paaren im Home-Office-Koller, der Podcast soll, verspricht der Trailer, ein "akustisches Antidepressivum" in Zeiten der Pandemie sein.

Auffallend ist, wie viele der Podcasts sich spürbar an jüngere Zuhörer wenden - was vermutlich vor allem damit zu tun hat, dass bei den unter 30-Jährigen mehr als die Hälfte regelmäßig Podcasts hört. Therapieland beispielsweise, ein sechsteiliger, mit dem "Deutschen Sozialpreis" ausgezeichneter Podcast, leuchtet sehr lebendig die Welt der Therapeutenszene aus, lässt Patientinnen und Patienten von ihren Erfahrungen erzählen, erklärt, wie eine gute Beziehung zwischen Therapeut und Patient aussehen kann (Spoiler: Sie sollte nicht freundschaftlich sein).

In Die Lösung wiederum geht es um konkrete Probleme, ein bisschen wirkt das wie "Dr. Sommer" für junge Erwachsene ("Yasmin und Mark wurde schon oft das Herz gebrochen."). Aber das wäre dann doch zu kurz gegriffen: Der Podcast wird geprägt von der jungen Diplom-Psychologin Lena Schiestel, hier für alle nur Lena, die hilfreiche psychologische Kniffe an die Hand gibt, und gleichzeitig darauf hinweist, diese seien nur als Anregung zu verstehen. Ganz im Sinne der eigenen Beschreibung dieses Podcasts: "Es gibt nicht die Lösung - jeder strauchelt, so gut er kann."

Ist es nur schlaue Unterhaltung - oder werden Themen angesprochen, die einen triggern können?

So unterschiedlich diese Formate sind, werden sie allesamt von Experten begleitet. Dazu gesellen sich jedoch unzählige Podcasts von Life-Coaches, Betroffenen und sich warum auch immer berufen Fühlenden. Das macht es kompliziert: Was ist fundiert, was eher nicht? Was hilft - und was ist einfach nur hanebüchen? Anruf bei Iris Hauth, Psychiaterin und Ärztliche Direktorin des Alexianer-St.-Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee, die rät: Sich gut anzuschauen, wer da spricht. "Ich würde tatsächlich darauf achten, ob jemand eine entsprechende Ausbildung hat." Und: "Man muss einmal unterscheiden: Geht es in dem Podcast mehr um alltägliche Probleme, um grundsätzliche Fragen der Psychologie - oder um konkrete psychische Erkrankungen?" Ist es also eher schlaue Unterhaltung beim Joggen oder Kochen - oder werden darin Themen angesprochen, die einen triggern könnten? In dem Fall sieht es Hauth als "Qualitätszeichen", wenn es an einer Stelle, vielleicht auch erst im Abspann, "einen Hinweis gibt, wo man sich noch weitere Hilfe holen kann".

Die Ärztin engagiert sich seit Jahren dafür, dass bei der Behandlung psychischer Erkrankungen begleitend digitale Möglichkeiten wie Apps oder Sprechstunden per Bildschirm besser genutzt werden. In seriösen Psychologie-Podcasts sieht sie große Chancen: "Sie haben ein hohes Identifikationspotenzial. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die sonst eher trocken vermittelt werden, lassen sich lockerer und auch emotionaler transportieren."

Und die Podcasts bieten natürlich auch eine Form der Prävention. Denn das viele Reden über die psychische Verfasstheit der Menschen sendet die wichtigste Botschaft überhaupt: Es kann sein, dass es dir gerade nicht so gut geht, dich etwas sehr beschäftigt, und die Zeiten können schon eine Last für die Seele sein, aber weißt du was: Du bist nicht allein.

© SZ/ebri
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