Stefan Raab im Interview Ich habe niemals im Leben etwas gemacht, von dem ich nicht überzeugt bin

Raab, der brennend ehrgeizige Kämpfer: Hier steht er gegen Boxweltmeisterin Regina Halmich im Ring (Archivbild von 2007).

(Foto: picture alliance / dpa)

SZ: Herr Raab, Ihr Blutdruck.

Raab: Moment: Für mich bestand die Aufgabe in gewisser Weise darin, Verantwortung zu übernehmen für eine Künstlerin. Alle, die jetzt schreiben, was Leute wie Sie als Frage nachplappern, sind genau jene, die bei anderen Casting-Shows meckern, dass dort eine Casting-Leiche nach der anderen produziert wird. Was wir gemacht haben: Wir haben eine Super-Künstlerin gefunden, und wir geben ihr die Chance, sich als Künstlerin zu etablieren. Wenn Sie mittlerweile so desensibilisiert sind, dass Sie jeden Tag ein menschliches Schicksal sehen wollen, dann müssen Sie die anderen Shows gucken. Außerdem spricht die Öffentlichkeit eine andere Sprache. Lena ist die erste Casting-Künstlerin, die es geschafft hat, mit einem zweiten Album in Folge auf Nummer eins der Charts zu landen. Das hat es vorher noch nicht gegeben.

SZ: Das ist Ihrer cleveren PR zu verdanken.

Raab: Die anderen Shows dieses Genres haben zehnmal so viele Zuschauer wie wir, betreiben die Sendung über drei, vier Monate und schaffen es trotzdem nicht, wenigstens ein Nummer-Eins-Album zu landen.

SZ: Was passiert am 14. Mai in Düsseldorf, beim ESC-Finale?

Raab: Wir haben sehr, sehr gute Chancen. Aber noch mal: Ich bin gefragt worden. Ich habe 2010 die Neo-Demokratie eingeführt und jetzt von Neo-Demokratie auf Demokratie zurückgestuft und gesagt: So, jetzt entscheidet ihr über den Song. Außerdem: Steht irgendwo im Grundgesetz, dass es ein Recht der Bevölkerung gibt zu entscheiden, wer zum ESC fährt? Das ist ja, als würde Jogi Löw per Tele-Voting entscheiden, wer in der Nationalmannschaft spielt. Wenn ich Trainer für die Sing-Nationalmannschaft bin, übernehme ich die Verantwortung, für die Niederlage, aber auch beim Sieg. Jetzt sind Sie dran.

SZ: Jogi Löw führt den Deutschen Fußball-Bund (DFB) allerdings nicht am Nasenring durch die Manege, so wie Sie es mit der ARD tun.

Raab: Das habe ich ja nicht getan. Ich habe einen Vorschlag gemacht, und der ist von allen akzeptiert worden.

SZ: Die ARD hätte kaum nein! sagen können.

Raab: Doch, hätte sie können. Die müssen ja nicht mit mir arbeiten. Aber wenn sie ergebnisorientiert arbeiten wollen, dann müssen sie sich auch ein bisschen an meine Philosophie halten. Ich habe niemals im Leben etwas gemacht, von dem ich nicht überzeugt bin. Man kann mich heute rausschmeißen, ich habe noch nicht einmal einen unterschriebenen Vertrag mit der ARD. Ich bin ein freier Mensch.

SZ: Man hört aus der ARD, dass Ihre Verhandlungsstrategie einen Kim Jong Il wie ein Weichei aussehen lässt.

Raab: Jetzt haben Sie langsam alle Diktatoren durch. Es gibt keine Verhandlungsstrategie. Ich mache einen Vorschlag, und wenn der akzeptiert wird, wird gar nicht verhandelt.

SZ: In letzter Zeit gelingt auch Ihnen nicht mehr alles. Sie haben zweimal in Folge bei Schlag den Raab verloren. Ist die Show so noch lange haltbar?

Raab: Warum denn nicht?

SZ: Da sagt man dann: Der alte Sack schafft es nicht mehr. Sie sind 44.

Raab: Wer sagt das? Die Journalisten! Bei Schlag den Raab habe ich schon zweimal hintereinander verloren. Na und? Irgendwann werde ich auch dreimal hintereinander verlieren. Dafür habe ich auch schon fünfmal hintereinander gewonnen.

SZ: Auch Sie werden älter.

Raab: Na und? Genau wie Fidel Castro halt.

SZ: Wenn man älter wird, lässt auch schon mal was nach.

Raab: Bei Ihnen vielleicht. Und selbst wenn es so sein sollte, so ist das Leben. Ich habe dreimal die ZDF-Hitparade gewonnen. Was will ich noch erreichen?

SZ: Sind Sie komplett angstfrei?

Raab: Es gibt einen klugen Satz, den ich auf der Bobbahn in Winterberg gelesen habe. Der hat mich sehr beeindruckt. Den habe ich auf unsere Wok-WM-Jacken sticken lassen. "Es gibt nur eine Sünde: Feigheit." Genau das ist das Problem der meisten Leute: Sie haben Schiss in der Buchse. Was passiert denn, wenn wir beim nächsten Mal den ESC nicht gewinnen? Das haben zwei Wochen später alle wieder vergessen, und jeder erinnert sich nur noch daran, wie schön das in Oslo war, als wir gewonnen haben. Niederlagen sind morgen wieder vergessen. Nur Siege bleiben.

SZ: Wo ist da die Grenze zum Größenwahn?

Raab: Auf einmal interessieren sich die Medien für den ESC und tun so, als handele es sich um Politik. Der größte Wahn liegt in den Köpfen der Journalisten. Die drehen durch. Da hat deren rationale Wahrnehmung offensichtlich ihr Ende, da findet nur noch emotionale Wahrnehmung statt. Ich verrate Ihnen, was das alles ist: Das ist nur Unterhaltung. Das ist Entertainment und nichts mehr.