Süddeutsche Zeitung

Stefan Raab im Interview:"Ich kann zurücktreten, aber dann kommt das Militär"

Lesezeit: 6 min

Stefan Raab gibt nur selten Interviews. Mit uns sprach er 2011 über Kritik an seiner Person, Ruhm, Verträge - und über Feigheit.

Hans Hoff

Stefan Raab ist medienscheu. Klingt paradox, ist aber so: Sein Privatleben ist für die Öffentlichkeit tabu, nur selten gibt er Interviews. Unser Autor Hans Hoff hat Stefan Raab im Februar 2011 getroffen - kurz vor dem Eurovision Song Contest in Düsseldorf, bei dem Lena Meyer-Landrut am Ende den zehnten Platz belegte. Das Interview zeigt, wie der einstige Fernseh-Innovator tickt - und gibt Hinweise auf seine mögliche Rücktrittsmotivation.

Mittags in Köln-Mülheim. In den leeren Gängen zwischen den Brainpool-Studios wummert ein Bass. Im Bandkeller probt gerade Lena für das Finale von Unser Song für Deutschland an diesem Freitag. Zwei Etagen über ihr sitzt Stefan Raab in seinem Büro. Er lächelt, macht einen aufgeräumten Eindruck, der noch nicht ahnen lässt, dass er nach der siebten Frage seine Stimme auf die Phonstärke einer Uli-Hoeneß-Wutrede anheben und eine knappe Stunde nicht mehr senken wird. Da hatte sich offenbar etwas aufgestaut.

SZ: Wann, Herr Raab, treten Sie endlich zurück?

Stefan Raab: Wie kommen Sie auf so 'ne Frage?

SZ: Man hört allerorten, Sie seien am Ende.

Raab: Ich kann gerne zurücktreten, aber dann kommt das Militär.

SZ: Das ist doch schon da, Ihr System wird doch nur noch von den Pro-Sieben- und ARD-Schutztruppen am Leben gehalten.

Raab: Wer sagt das?

SZ: So klingt das Echo aus dem Medienwald.

Raab: Ist das Ihre persönliche Meinung?

SZ: Das spielt keine Rolle.

Raab: Doch, das spielt eine Rolle. Da sehen Sie, wie groß der Unterschied zwischen der veröffentlichten und der öffentlichen Meinung ist. Ich habe das natürlich wahrgenommen, und ehrlich gesagt wundert es mich, dass der Intellekt mancher Journalisten keine andere Deutung zulässt. Was ist denn passiert?

SZ: Die Show, Unser Song für Deutschland, war langweilig, und die Zuschauerzahlen sind bei der zweiten Ausgabe abgesackt - von 2,56 auf 1,82 Millionen.

Raab: Seit wann interessieren Sie sich denn für die Quoten?

SZ: Wir interessieren uns bei einem Ereignis wie dem Eurovision Song Contest (ESC), der angeblich zwölf Millionen Euro kosten soll und sich an ein Massenpublikum richtet, auch für die Quoten.

Raab: Erst mal zum Thema Muba-Raab: Diktatur trifft eher auf die Jahre vor Lena zu. Ich bin doch von der ARD gebeten worden, Ödland aufzuarbeiten. Nach 2004 gab es nur die Auswahl zwischen drei Künstlern. Sie hatten also die Wahl zwischen Pest und Cholera. In dem Jahr vor Lena hatten Sie nicht mal diese Wahl. Da wurde diktatorisch bestimmt: Alex swings, Oscar sings und Dita tanzt. Da haben Sie die Pest, die Cholera und die Syphilis frei Haus bekommen. Dann sind wir hingegangen und haben in dieses System eine Neo-Demokratie eingeführt. Wir haben nicht nur über den Künstler abstimmen lassen, sondern auch über den Song. Das System, was wir jetzt hier betreiben, ist nur die logische Konsequenz. Da müssen Sie sich nur Ihre eigenen Artikel vom vergangenen Jahr durchlesen. Da stand, dass das todlangweilig ist, dass sich das kein Mensch angucken kann. Andere haben geschrieben, dass wir besser als Platz fünf sowieso nicht abschneiden werden. Aber am Schluss wollten alle mit aufs Foto, inklusive der Journalisten.

SZ: Herr Raab ...

Raab: Ich bin noch nicht fertig. Ich habe mit Lena schon Wochen vor dem Sieg zusammengesessen und darüber gesprochen, was sie tut, wenn sie gewinnt. Lena hat dann die Entscheidung getroffen, etwas zu tun, womit keiner rechnet, weil alle nur danach streben, einmal Erfolg zu haben und den Erfolg zu konservieren. Ich habe zu Lena gesagt: Wenn das nicht der Höhepunkt deiner Karriere gewesen sein soll, dann müssen wir noch mal antreten und entweder den eigenen Erfolg durch eine haushohe Niederlage pulverisieren oder wir gewinnen noch mal und pulverisieren den ersten Erfolg durch den zweiten. Ich verstehe Leute nicht, die sagen: Man solle aufhören, wenn es am schönsten ist. Man mache sich den eigenen Ruhm kaputt. Was ist das denn für ein Schwachsinn? Das zeigt aber, worauf die aus sind: auf Ruhm. Ruhm bringt aber im Leben nichts. Ruhm ist so kurzatmig, dass auf der Aftershowparty des Deutschen Fernsehpreises die Hälfte der Leute nicht mehr weiß, wer einen Preis bekommen hat.

Ich habe niemals im Leben etwas gemacht, von dem ich nicht überzeugt bin

SZ: Herr Raab, Ihr Blutdruck.

Raab: Moment: Für mich bestand die Aufgabe in gewisser Weise darin, Verantwortung zu übernehmen für eine Künstlerin. Alle, die jetzt schreiben, was Leute wie Sie als Frage nachplappern, sind genau jene, die bei anderen Casting-Shows meckern, dass dort eine Casting-Leiche nach der anderen produziert wird. Was wir gemacht haben: Wir haben eine Super-Künstlerin gefunden, und wir geben ihr die Chance, sich als Künstlerin zu etablieren. Wenn Sie mittlerweile so desensibilisiert sind, dass Sie jeden Tag ein menschliches Schicksal sehen wollen, dann müssen Sie die anderen Shows gucken. Außerdem spricht die Öffentlichkeit eine andere Sprache. Lena ist die erste Casting-Künstlerin, die es geschafft hat, mit einem zweiten Album in Folge auf Nummer eins der Charts zu landen. Das hat es vorher noch nicht gegeben.

SZ: Das ist Ihrer cleveren PR zu verdanken.

Raab: Die anderen Shows dieses Genres haben zehnmal so viele Zuschauer wie wir, betreiben die Sendung über drei, vier Monate und schaffen es trotzdem nicht, wenigstens ein Nummer-Eins-Album zu landen.

SZ: Was passiert am 14. Mai in Düsseldorf, beim ESC-Finale?

Raab: Wir haben sehr, sehr gute Chancen. Aber noch mal: Ich bin gefragt worden. Ich habe 2010 die Neo-Demokratie eingeführt und jetzt von Neo-Demokratie auf Demokratie zurückgestuft und gesagt: So, jetzt entscheidet ihr über den Song. Außerdem: Steht irgendwo im Grundgesetz, dass es ein Recht der Bevölkerung gibt zu entscheiden, wer zum ESC fährt? Das ist ja, als würde Jogi Löw per Tele-Voting entscheiden, wer in der Nationalmannschaft spielt. Wenn ich Trainer für die Sing-Nationalmannschaft bin, übernehme ich die Verantwortung, für die Niederlage, aber auch beim Sieg. Jetzt sind Sie dran.

SZ: Jogi Löw führt den Deutschen Fußball-Bund (DFB) allerdings nicht am Nasenring durch die Manege, so wie Sie es mit der ARD tun.

Raab: Das habe ich ja nicht getan. Ich habe einen Vorschlag gemacht, und der ist von allen akzeptiert worden.

SZ: Die ARD hätte kaum nein! sagen können.

Raab: Doch, hätte sie können. Die müssen ja nicht mit mir arbeiten. Aber wenn sie ergebnisorientiert arbeiten wollen, dann müssen sie sich auch ein bisschen an meine Philosophie halten. Ich habe niemals im Leben etwas gemacht, von dem ich nicht überzeugt bin. Man kann mich heute rausschmeißen, ich habe noch nicht einmal einen unterschriebenen Vertrag mit der ARD. Ich bin ein freier Mensch.

SZ: Man hört aus der ARD, dass Ihre Verhandlungsstrategie einen Kim Jong Il wie ein Weichei aussehen lässt.

Raab: Jetzt haben Sie langsam alle Diktatoren durch. Es gibt keine Verhandlungsstrategie. Ich mache einen Vorschlag, und wenn der akzeptiert wird, wird gar nicht verhandelt.

SZ: In letzter Zeit gelingt auch Ihnen nicht mehr alles. Sie haben zweimal in Folge bei Schlag den Raab verloren. Ist die Show so noch lange haltbar?

Raab: Warum denn nicht?

SZ: Da sagt man dann: Der alte Sack schafft es nicht mehr. Sie sind 44.

Raab: Wer sagt das? Die Journalisten! Bei Schlag den Raab habe ich schon zweimal hintereinander verloren. Na und? Irgendwann werde ich auch dreimal hintereinander verlieren. Dafür habe ich auch schon fünfmal hintereinander gewonnen.

SZ: Auch Sie werden älter.

Raab: Na und? Genau wie Fidel Castro halt.

SZ: Wenn man älter wird, lässt auch schon mal was nach.

Raab: Bei Ihnen vielleicht. Und selbst wenn es so sein sollte, so ist das Leben. Ich habe dreimal die ZDF-Hitparade gewonnen. Was will ich noch erreichen?

SZ: Sind Sie komplett angstfrei?

Raab: Es gibt einen klugen Satz, den ich auf der Bobbahn in Winterberg gelesen habe. Der hat mich sehr beeindruckt. Den habe ich auf unsere Wok-WM-Jacken sticken lassen. "Es gibt nur eine Sünde: Feigheit." Genau das ist das Problem der meisten Leute: Sie haben Schiss in der Buchse. Was passiert denn, wenn wir beim nächsten Mal den ESC nicht gewinnen? Das haben zwei Wochen später alle wieder vergessen, und jeder erinnert sich nur noch daran, wie schön das in Oslo war, als wir gewonnen haben. Niederlagen sind morgen wieder vergessen. Nur Siege bleiben.

SZ: Wo ist da die Grenze zum Größenwahn?

Raab: Auf einmal interessieren sich die Medien für den ESC und tun so, als handele es sich um Politik. Der größte Wahn liegt in den Köpfen der Journalisten. Die drehen durch. Da hat deren rationale Wahrnehmung offensichtlich ihr Ende, da findet nur noch emotionale Wahrnehmung statt. Ich verrate Ihnen, was das alles ist: Das ist nur Unterhaltung. Das ist Entertainment und nichts mehr.

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Quelle:
SZ vom 18.02.2011/berr/tiq
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