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ZDF-Katastrophenserie:Nein, das ist nicht die Serie zu Corona

'Sloborn' - Serie über tödliches Virus auf Nordseeinsel

Evelin (Emily Kusche) und ihr Vater (Wotan Wilke Möhring) lin einer Szene der achtteiligen Serie "Sløborn".

(Foto: Krzysztof Wiktor/dpa)

"Sløborn" erzählt vom Ausbruch einer tödlichen Krankheit auf einer Nordseeinsel. Gefilmt wurde im vergangenen Jahr - jetzt wird die Serie die Wirklichkeit nicht mehr los.

Von Claudia Tieschky

Eine Märcheninsel ist dieses Sløborn nicht gerade. Das Wetter ist rau in der Nordsee, dafür gibt es sonst wenig Aufregung. Die Teenager langweilen sich zu Tode, die Erwachsenen kennen sich alle seit der Zeit, als sie Teenager waren und sich zu Tode gelangweilt haben. Es wird viel Rad gefahren oder Skateboard, und wenn ein berühmter Schriftsteller zur Lesung auf die deutsche Insel nahe der dänischen Grenze kommt, ist er wahrscheinlich pleite oder auf der Flucht vor seiner Schreibblockade oder beides. Außerdem ist Sløborn ein vom Wasser umgrenzter Ort, auf den ein Erzähler von oben herunterzoomen kann und dort alles findet, was er braucht, um maximale Zerstörung anzurichten.

Die erste Szene von Sløborn ist entsprechend ein Vorgriff, der schnell klarmacht, dass hier das Virus wummert und der Untergang nahe ist. Da kreisen Militärhubschrauber über Menschen, die aus Augen und Nase bluten und auf der Flucht sind. Die Bundeswehr hat Schießbefehl gegen Bürger, die sich den Anweisungen widersetzen, die Lage ist völlig außer Kontrolle. Das Virus, das Sløborn erfasst, ist eine fiktive Taubengrippe, die fast immer tödlich verläuft.

Als wäre das Virus ein Wesen, das einen Köder auslegt

In acht Episoden der deutsch-dänischen Koproduktion wird die kleine Welt also erst vorgestellt und dann zerlegt. Sløborn erzählt das aus Sicht der Teenager. Da sind die Inselkinder: die Heldin der Serie, Evelin, die eine Liebesbeziehung mit ihrem Lehrer hat und von ihm schwanger ist; Yvonne, die viel mit ihren Eltern für die Wiederkehr Christi beten muss. Herm mit dem gewalttätigen Vater. Und da sind die straffälligen Jugendlichen, die widerwillig in einem Resozialisierungsprojekt auf der Insel arbeiten. Die Serie lässt sich viel Zeit, bevor sie ihren Horror entfaltet - auch wenn es Vorzeichen gibt. Radionachrichten laufen nebenbei und erzählen von einer scheinbar noch fernen Seuche. Ein führerloses Segelboot jagt durch die Nacht, obwohl doch nur Tote an Bord sind, und dümpelt zahm am Ufer, als wäre das Virus ein Wesen, das einen Köder auslegt.

Wenn man nicht ständig an die realen Nachrichten der vergangenen Monate denken müsste, wenn die Menschen auf Sløborn Nase-Mund-Schutz tragen, wenn Kranke von Pflegern in Schutzanzügen an Beatmungsgeräte angeschlossen werden und Handy-Bewegungsprofile plötzlich eine Rolle spielen, dann wäre Sløborn einfach eine Coming-of-Age Geschichte, mit Anklängen an das Genre Horror und Katastrophenfilm. Und damit gewissermaßen thematisch auf der Höhe der international erfolgreichen Serienproduktion.

Das Unheil dräut gottserbärmlich, und die schwangere Emily wird in dieser Düsternis fast zur Madonnenfigur. Eine eindrucksvolle Menge Filmblut wird aus Körpern geschleudert. Klar, ein Virus ist ein fast so guter Dramaturgie-Motor wie eine Horde reitender Banditen im Western. Aber wer erinnert sich später an die Banditen?

Beim ZDF haben sie überlegt, den Sendetermin zu verschieben

Die schiere Gewalt des Katastrophenszenarios überwältigt schon sehr. Manche Figuren in der Serie, wie Evelins grundguter Vater (Wotan Wilke Möhring), bleiben dagegen erstaunlich blass. Allerdings tauchen daneben durchaus eigenwillige Gestalten auf: Laura Tonke als energische Provinzbuchhändlerin Merit Ponz mit verblichenen Träumen, die Duldsamkeit und Dominanz großäugig in Einklang bringt. Oder Arnd Klawitter als ihr Mann und strenger Pastor. Besonders aber schafft es Alexander Scheer, dass man bei dem Inseldrama dranbleibt. Scheer spielt den angereisten Schriftsteller Nikolai Wagner zwischen Hochstapelei und Wahnsinnsverzweiflung. Ein blasierter Angeber am Abgrund. Die Krankheit um ihn herum ist ihm völlig egal, sein Ego ist größer als jedes Virus, und das findet man dann auch wieder großartig.

Showrunner Christian Alvart hat unter anderem die Serie Dogs of Berlin für Netflix erfunden und für den NDR einige Til-Schweiger-Tatorte inszeniert. Stoff mit harten Kerlen. Aber er sagt, dass es ihm vor dem Hintergrund der echten Pandemie "kalt den Rücken runtergelaufen ist, was wir da letztes Jahr gedreht haben". Wie aber kam es zu der unheimlich zukunftsträchtigen Idee?

Alvart sagt, dass er einfach verwundert gewesen sei darüber, wie man ständig medial über Katastrophen irgendwo auf der Welt informiert werde, aber dennoch normalerweise das eigene Leben weiterläuft wie bisher. Was, wenn nicht?

Er recherchierte bei Virologen und beim Katastrophenschutz, wie es aussehen würde, wenn ein tödliches Virus tatsächlich in den Alltag einbrechen würde. Alvart recherchierte so gründlich, dass man jetzt einiges wiedererkennt.

Die Serie war, das versichern Alvart und die ZDF-Redakteurin Doris Schrenner, schon komplett fertig und vom Sender abgenommen, als im Februar die Corona-Pandemie ausbrach. Einen Satz als Anspielung haben sich die Macher erlaubt und später in ein Stimmengewirr hineingesprochen: Soll ich jetzt etwa Desinfektionsmittel trinken? Beim ZDF haben sie überlegt, den Sendetermin zu verschieben, sagt Schrenner: "Kann man das machen und den Leuten in diesen Zeiten zumuten?" Andererseits, sagt Alvart, wenn Sløborn erst später gesendet würde, hätte er Angst vor dem Eindruck, "dass wir so eine Serie nach Corona gedreht haben".

Ein Problem, an dem man auf Dauer nicht vorbeikommen wird. Sløborn ist erkennbar auf eine Fortsetzung angelegt. Die Personen, auf die sich das Ende der ersten Staffel konzentriert, wären eigentlich vielversprechend. Aber vielleicht sitzen sie mit ihrem Virus inzwischen eben doch auf einer Märcheninsel.

Sløborn, ZDF Neo, Donnerstag und Freitag, jeweils vier Folgen ab 20.15 Uhr; alle acht Folgen in der ZDF-Mediathek.

© SZ/tmh
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