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"Tatort" aus Wien:Kummer

Ein Krimi zum Wegschlürfen: Der erste "Tatort" nach der Sommerpause spielt im Bodybuilder-Milieu. Und wird diejenigen freuen, die am Sonntag nicht so aufs Experiment versessen sind.

Von Claudia Tieschky

Der erste Tatort nach der Sommerpause kommt bemerkenswerterweise genau wie der letzte Wunsch-Tatort von voriger Woche aus Wien. Die neue Folge "Pumpen" wird diejenigen freuen, die am Sonntag nicht so aufs Experiment versessen sind, sondern einfach auf einen Krimi zum Wegschlürfen. Ein eher robuster Sinn für Scherze ist ebenfalls hilfreich, angesichts der vom Zug zweigeteilten Leiche und des tiefergelegten Sarkasmus am Gleis, den normal halb schlecht gelaunte Wiener Ermittler lässig mit Kaffee und Kipferl in der Hand verbreiten.

"Pumpen" (Regie Andreas Kopriva, Buch Karin Lomot, Robert Buchschwenter) ist ein ordentlich gemachter klassischer Krimi, der in ein Bodybuilder-Milieu führt, wo mehr läuft als nur Gewichtestemmen und pharmazeutisch stimuliertes Muskelwachstum. Das Opfer war frenetischer James-Bond-Fan, lag aber nicht freiwillig auf den Gleisen; in seinem Trainingsspind finden sich seitenlange Listen mit Automarken.

Die Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sind wie immer hauptsächlich professionell und schlagen sich wie immer privat mit alltagsgrauen Problemen herum. Bibi beendet eine Liebschaft, und der Kummer, den Adele Neuhauser aus der Bibi herausschauen lässt, ist die Melancholie eines Menschen, der wider besseres Wissen kurz einen Versuch mit dem Glück unternommen hat. Weil sie das so knallhart herunterspielt, und Eisner wiederum seine Trübsal so männlich ernst nimmt, befinden sie sich irgendwie auf gleicher Höhe. Das ist schön und leise absurd, aber sie sind ja auch wirklich Freunde. Eisners Kummer kommt von seiner Wandlung zum Dickerchen, das ist das Gemeine an diesem Fall, überall gestählte Männerkörper. Eisner fastet dann. Ohne Worte zeigt die Kamera sein Dilemma: hier die Bodybuilder beim Umziehen, da die Wurstsemmel, der er dann doch treu bleibt.

Die Bösen kommen fast alle vom Balkan, und die Frau am Studio-Empfang ist ein so schlimmer Blondinenwitz, dass man immer denkt, es kommt vielleicht noch ganz anders, aber es kommt nicht anders. Deshalb muss man schon sagen: Da wäre doch Luft gewesen, das Oberstübchen ein Stockwerk höher zu bauen.

Perfekt vernäht wird dagegen Bibi Fellners Liebeskummer mit dem Fall, der gegen Ende sehr dramatisch, aber auch etwas unübersichtlich wird. Wobei unwillkürlich auffällt, dass man sich Bibi Fellner eigentlich gar nicht mit ungelöstem Fall und privat glücklich vorstellen kann. Aber auch da hilft die Wurstsemmel.

Tatort. Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ/ebri/hy

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