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Scripted Reality:Pseudorealer Alltagswahnsinn

Seither spulen RTL, RTL 2, VOX und Sat 1 die Formate im Dreiviertelstundentakt ab. Warum der pseudoreale Alltagswahnsinn so viele Menschen vor den Fernseher lockt? Für die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher ist Scripted Reality die Fortführung einer historisch konstanten sozialen Funktion: Die Sendungen befriedigen ihr zufolge eine immer da gewesene Lust am Beobachten des Elends anderer: "Früher schaute man öffentliche Enthauptungen an, heute eben Dokusoaps".

Dazu passt, dass die Sender ihre Elendsspektakel nur ungern mit dem Label "Fake" versehen wollen. Bisher kennzeichnen sie laut VPRT "uneinheitlich und freiwillig". Das heißt, dass im Abspann mancher Sendungen kurz Sätze wie "Alle Handlungen sind erfunden" aufblitzen.

Für die Medienkontrolleure ist das keine Lösung. Auch Erwin Lennartz hat unzählige Freunde und Kollegen erlebt, die schockiert waren, einen verkleideten Erwin in einer vermeintlichen Doku zu sehen. "So geht es selbst meiner 80-jährigen Mutter", sagt er. Obwohl sie wisse, dass ihr Sohn nach Drehbuch spielt, sei sie auf ihrer Couch oft genug schockiert - weil Lennartz häufig Straftäter spielt. "Klar, ich sehe südländisch aus, also bin ich der perfekte Ganove", sagt er.

Plakativ inszenierte Klischees

Eine Sprecherin der Agentur Casting Concept, die Lennartz schon unzählige Male vermittelt hat, bestätigt das: "In Reality-Formaten werden Klischees bedient. Und so wird auch gecastet: Bildungsbürger sind Brillenträger, Schurken oft Ausländer und Arbeitslose sollen möglichst bequem aussehen." Die Botschaft eines so plakativ inszenierten Alltags ist fragwürdig - und der Anspruch, eine "Realitydoku" zu sein längst nicht das einzige Problem.

Peinliche TV-Formate

Reste-Rampe für Promis

Trotz aller Kritik und langsam sinkender Quote setzen die meisten Privatsender weiter auf Scripted Reality, denn der Sendeplatz könnte nach wie vor kaum günstiger gefüllt werden. Der Dokumentarfilmer Andres Veiel (Black Box BRD) schätzte die Kosten einer halbstündigen Sendung in der Berliner Zeitung auf etwa 30 000 Euro. Ein abendfüllender Dokumentarfilm koste das Zwanzigfache.

© SZ vom 11.02.2014/mfh
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