Schauspieler Harald Krassnitzer Völlig unterfordert

Schauspieler Harald Krassnitzer

Harald Krassnitzer ist "Tatort"-Kommissar, er war schon Winzerkönig und Bergdoktor. Vor allem aber ist er Zweifler und ein zutiefst politischer Mensch. Eine Begegnung in einem Wiener Kaffeehaus.

Von Cathrin Kahlweit

Schauspielerei kann ein ekelhafter Beruf sein. So viel tote Zeit. Diese Warterei, bis alles aufgebaut ist, bis der Kamerakran richtig steht und das Licht passt, der Ton weniger dumpf klingt, die Kollegin endlich geschminkt ist und der Kollege zum dritten Mal über das Catering gemeckert hat. Dann ein Gang von A nach B, drei Sätze, eine Replik, und wieder warten. Wer da nicht viel Yoga macht oder von Haus aus wenig denkt, der könnte gut und gern verrückt werden.

Also hat Harald Krassnitzer eigentlich den falschen Beruf. Sagt er auch. Und betont dann gleich darauf eilig, er mache seine Fernseharbeit sehr gern, und es sei sehr schön, Menschen zu unterhalten. Womit das Grundproblem schon beschrieben wäre: Krassnitzer ist höflich und charmant, er ist ein überaus populärer Schauspieler, die Zuschauer lieben seine Mischung aus lässig und männlich, manchmal eine Spur motzig, bisweilen ein bisschen spießig. Krassnitzer lebt gut von seinem Job, er macht ihn auch gut. Sein nächster Tatort, der im Frühjahr zu sehen ist, wird sein 33. gewesen sein.

Aber er denkt, von Haus aus, eher mehr als weniger. Der 53-Jährige ist neugierig, nachdenklich, und besorgt um die Welt. "Nicht ausgelastet", beschreibt er seinen Geisteszustand vorsichtig. Er wolle immer gern wissen, wie es anderswo aussieht, jenseits des Elfenbeinturms. Das kann zur Belastung werden.

"Tatort" in der ARD

Und dann auch noch der Oberzyniker

Wie das beides zusammengeht, ist in einem Wiener Kaffeehaus zu beobachten: ein linkischer junger Mann überfällt den Österreicher mit der Bitte um ein Autogramm, "Sie sind doch der Kommissar, der Dings, der Moritz Eisner, ich sehe so gerne Tatort!" Krassnitzer unterschreibt - nicht irgendwie, mit einem schnellen Gekrakel. Er will das richtig machen, ernsthaft, also denkt er nach, setzt ein Datum dazu und ein paar Worte. Das ist wahnsinnig nett. Ob man gerade hier, gerade jetzt an einem neuen Drehbuch arbeite, fragt der Junge, nun mutig geworden. Ja, gerade hier am Tisch entstehe das neue Tatort-Drehbuch, sagt Krassnitzer, und erlaubt sich ein winziges Grinsen. Das ist gemein - aber es ist die kleine Freiheit eines Stars, der sich in seinen Rollen, er war auch schon Bergdoktor und Winzerkönig, wenig Freiheiten herausnehmen kann. Der junge Mann geht ab.

Es tritt auf: das andere Leben, der Leiter des Österreichischen Staatsarchivs samt einem Filmproduzenten, Freunde nicht des Schauspielers, sondern des Intellektuellen Harald Krassnitzer. Mit ihnen plant er Dokumentarfilme; um den Wiener Kongress soll es demnächst gehen und wie dessen Folgen in die Jetzt-Zeit hineinragen. Der Wiener Kongress sei ja, anders als es die populäre Geschichtsschreibung behaupte, nicht nur ein einziger, langer Ball plus ein paar Hinterzimmertreffen gewesen! Krassnitzers zweites Ich, vielleicht sein eigentliches, ist jetzt sehr wach. Damals sei die europäische Ordnung in ihren Grundzügen festgelegt worden, das habe Auswirkungen auf die EU, auf uns alle bis heute. Er macht Pläne, will einen Wiener Jugend-Kongress organisieren, eine neue Agenda von Jugendlichen aus zig Ländern für ein neues Europa vielleicht.

Wie gesagt, unterfordert.