Süddeutsche Zeitung

Schauspieler Harald Krassnitzer:Völlig unterfordert

Harald Krassnitzer ist "Tatort"-Kommissar, er war schon Winzerkönig und Bergdoktor. Vor allem aber ist er Zweifler und ein zutiefst politischer Mensch. Eine Begegnung in einem Wiener Kaffeehaus.

Schauspielerei kann ein ekelhafter Beruf sein. So viel tote Zeit. Diese Warterei, bis alles aufgebaut ist, bis der Kamerakran richtig steht und das Licht passt, der Ton weniger dumpf klingt, die Kollegin endlich geschminkt ist und der Kollege zum dritten Mal über das Catering gemeckert hat. Dann ein Gang von A nach B, drei Sätze, eine Replik, und wieder warten. Wer da nicht viel Yoga macht oder von Haus aus wenig denkt, der könnte gut und gern verrückt werden.

Also hat Harald Krassnitzer eigentlich den falschen Beruf. Sagt er auch. Und betont dann gleich darauf eilig, er mache seine Fernseharbeit sehr gern, und es sei sehr schön, Menschen zu unterhalten. Womit das Grundproblem schon beschrieben wäre: Krassnitzer ist höflich und charmant, er ist ein überaus populärer Schauspieler, die Zuschauer lieben seine Mischung aus lässig und männlich, manchmal eine Spur motzig, bisweilen ein bisschen spießig. Krassnitzer lebt gut von seinem Job, er macht ihn auch gut. Sein nächster Tatort, der im Frühjahr zu sehen ist, wird sein 33. gewesen sein.

Aber er denkt, von Haus aus, eher mehr als weniger. Der 53-Jährige ist neugierig, nachdenklich, und besorgt um die Welt. "Nicht ausgelastet", beschreibt er seinen Geisteszustand vorsichtig. Er wolle immer gern wissen, wie es anderswo aussieht, jenseits des Elfenbeinturms. Das kann zur Belastung werden.

Wie das beides zusammengeht, ist in einem Wiener Kaffeehaus zu beobachten: ein linkischer junger Mann überfällt den Österreicher mit der Bitte um ein Autogramm, "Sie sind doch der Kommissar, der Dings, der Moritz Eisner, ich sehe so gerne Tatort!" Krassnitzer unterschreibt - nicht irgendwie, mit einem schnellen Gekrakel. Er will das richtig machen, ernsthaft, also denkt er nach, setzt ein Datum dazu und ein paar Worte. Das ist wahnsinnig nett. Ob man gerade hier, gerade jetzt an einem neuen Drehbuch arbeite, fragt der Junge, nun mutig geworden. Ja, gerade hier am Tisch entstehe das neue Tatort-Drehbuch, sagt Krassnitzer, und erlaubt sich ein winziges Grinsen. Das ist gemein - aber es ist die kleine Freiheit eines Stars, der sich in seinen Rollen, er war auch schon Bergdoktor und Winzerkönig, wenig Freiheiten herausnehmen kann. Der junge Mann geht ab.

Es tritt auf: das andere Leben, der Leiter des Österreichischen Staatsarchivs samt einem Filmproduzenten, Freunde nicht des Schauspielers, sondern des Intellektuellen Harald Krassnitzer. Mit ihnen plant er Dokumentarfilme; um den Wiener Kongress soll es demnächst gehen und wie dessen Folgen in die Jetzt-Zeit hineinragen. Der Wiener Kongress sei ja, anders als es die populäre Geschichtsschreibung behaupte, nicht nur ein einziger, langer Ball plus ein paar Hinterzimmertreffen gewesen! Krassnitzers zweites Ich, vielleicht sein eigentliches, ist jetzt sehr wach. Damals sei die europäische Ordnung in ihren Grundzügen festgelegt worden, das habe Auswirkungen auf die EU, auf uns alle bis heute. Er macht Pläne, will einen Wiener Jugend-Kongress organisieren, eine neue Agenda von Jugendlichen aus zig Ländern für ein neues Europa vielleicht.

Wie gesagt, unterfordert.

"Die innere Wertschätzung ist ein Hund"

Er schlafe nicht gern, bestätigt er, dabei vergehe zu viel ungenutzte Zeit. Lieber lesen, recherchieren, neue Themen suchen, spannende Menschen finden. Politik ist sein Thema, überhaupt will es scheinen, als spreche der bekennende Sozialdemokrat lieber über die Vermögenssteuer oder die "Kukuruz-Wette" zwischen dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow und dem österreichischen Politiker Leopold Figl (wer das genauer wissen will, sollte Krassnitzer nicht um ein Autogramm, sondern um die ganze großartige Geschichte bitten), als über seinen nächsten Film. Der heißt übrigens Drama am Gipfel, Teil 2 läuft Mitte Januar in der ARD.

An diesem Tag kommt er gerade aus Wuppertal, wo er mit seiner Frau, der Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer, und ihrem Sohn lebt. In der Nähe ihrer Eltern, der Sohn geht auf die Waldorfschule. Wuppertal passt zu Krassnitzer - es sei geerdet, "befreiend", sagt er. "Nicht nur die Sonnenseite" des Lebens.

Auch er selbst kommt ja aus einer Arbeiterfamilie, aus "prekären Verhältnissen", in denen es schon als Aufstieg galt, wenn die Hände abends mit Tinte und nicht mit Maschinenöl verschmiert waren. Speditionskaufmann hat er gelernt und war "zutiefst unglücklich". Matura, gar ein Studium, hieß es daheim, "das schaffst du ja doch nicht". Damit hadert er bis heute.

Sparringspartnerin am Set

Er konnte sich retten, weil ihn jemand in eine Laienspielgruppe einlud und damit eine "innere Tür der geheimsten Wünsche" geöffnet hat. Ganz klar war: Das muss es sein, weg hier, spielen, leben, lernen. Aber die Selbstzweifel blieben. Keine akademische Ausbildung, alles nachgeholt, nachgelesen, nachgefragt. Dem Leben hinterhergerannt. Nie alles aufgeholt. Wie auch? "Ich habe", sagt er so zweifelnd wie vorsichtig, "einen Beruf und habe doch keinen". Denn was ist das Theater, das Fernsehen? Was kann es bewirken? Menschen berühren, amüsieren, das ist gut, aber was kann es bewegen? Krassnitzer, der Schauspieler, findet, auch diese Kunst kann wichtig sein. Krassnitzer, der Suchende, sagt: "Die innere Wertschätzung ist ein Hund."

Vor einigen Wochen ist sein Wiener Tatort über osteuropäische Vorstadtprostituierte als Lohnsklaven gelaufen, mit riesigem Erfolg. Das hat ihm gefallen, es war mehr als ein Film, mehr als eine Story, es war der geplante Sturz aus dem Elfenbeinturm in die Realität. Und nicht das, was der Schauspieler selbst empört "Pseudo-Hyperaktualität" nennt. Die nächsten Drehbücher handeln von der iranischen Atommafia und von Kinderpornografie; immer dabei die großartige Adele Neuhauser als Bibi Fellner. Er sei nicht gut im "Helden spielen", sagt er, da helfe es, dass er mit Neuhauser so gut lachen könne, politisch sei sie auch. Das ist ein Glück, denn so hat er eine Sparringspartnerin am Set, sie wird als Co-Moderatorin bei der einen oder anderen Dokumentation dabei sein.

Manchmal, sagt nun wieder der Zweifler in ihm, verliere er sich selbst und den Überblick, es mache ihm Angst, dass die Gesellschaft immer unübersichtlicher werde, die demokratischen Prozesse immer undurchsichtiger würden. Dagegen "helfen nur Fakten und Wissen. Und die Lust, mich in Themen zu schmeißen, von denen ich erst einmal nichts verstehe."

Deshalb würde er jetzt gern bleiben und noch einen grünen Tee trinken gegen die Kälte und den Wiener Winter. Aber das nächste Projekt wartet, und die Zeit läuft davon, die Tage sind zu kurz und zu dunkel, und es gibt so viel zu tun. Wenn er aber dann aus seiner ersten Heimat, Österreich, in seine zweite Heimat, zurückkehre, in sein Fachwerkhaus in Wuppertal, dann müsse er dort auch üben, sagt er: herunterkommen, einen Rhythmus finden, ruhen. Es helfe eben nichts: Man müsse dieses schöne, komplizierte Leben immer aufs Neue leben lernen.

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Quelle:
SZ vom 18.12.2013/mkoh
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