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Satiriker Martin Sonneborn:"Wir arbeiten destruktiv"

Es gibt über die PARTEI einen schönen Film, er lief im Kino, aber nun findet Sonneborn niemanden, der ihn im Fernsehen ausstrahlen will. Die verschiedenen Begründungen dafür kann er nicht mehr hören, weil er die gemeinsame Haltung dahinter nicht teilt. "Es gibt im Fernsehen, und abgeschwächt auch in Zeitungen, dieses Inschutznehmen des Publikums", sagt er. Berechtigte Frage: Wer glaubt hier wen in Schutz nehmen zu müssen, und mit welcher Erziehungsberechtigung? Doch irgendwann hört man wahrscheinlich auf, diese Frage zu stellen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen, sagt Sonneborn, kenne er nur "völlig ermattete Leute, die nichts ändern wollen". Er schaue selbst kaum noch fern, und finde "Unterhaltungsfernsehen nicht besonders unterhaltsam". Klar, es ist gratismutig geworden, auf das Fernsehen zu schimpfen. Aber verliert der Befund durch Wiederholung wirklich an Wucht? Ist es nicht ganz schlimm, dass es genauso schlimm ist, wie alle immer wieder sagen?

Martin Sonneborn gehört zum Ensemble der heute show, die ja ein recht lässiger Beleg dafür ist, dass die Zuschauer es ganz gut vertragen, wenn sie mal nicht von Verhinderungskommissaren aus den Anstalten in Schutz genommen werden. Seine Beiträge für die Satiresendung produziert er immer mit Susanne Müller und Andreas Coerper von Smacfilm, und er weiß beide auch in einer Reportagereihe an seiner Seite, die vom kommenden Donnerstag um 22.45 Uhr an bei ZDF Neo zu sehen sein wird.

"Im besten Fall Satire"

Das Format heißt Sonneborn rettet die Welt, bewerkstelligt werden soll die Mission in nur drei Folgen und in den Disziplinen Finanzmärkte, Umweltzerstörung und Korruption. Das Format sei ihm "eigentlich egal. Ich will mit Politikern sprechen und Späße machen", sagt Sonneborn, und damit ist auch schon fast alles zu der Sendung gesagt. Wer die Einsätze Sonneborns in der heute show mag, wird auch die Reihe mögen, auch wenn sein Prinzip die Strecke von 30 Minuten nicht immer trägt. Denn es verändert sich hier nur die Form, "der Inhalt ist doch immer das Gleiche, im besten Fall Satire".

Immerhin wird Sonneborn dieses Mal keine Opfer fordern, die nimmt er sonst ja billigend in Kauf. Der Geschäftsführer von Pro Generika, Peter Schmidt, verlor nach einem Interview für die heute show seinen Job. In dem Beitrag legte Sonneborn etwas hinterfotzig die wendige und windige Argumentation des Lobbyisten offen. Dass Schmidt gefeuert wurde, sei "eine der wenigen Sachen, die mir leid tun. Aber ich sehe das als Kollateralschaden. Es haben so viele begriffen, wie man mit Generika Geld verdient. Und es passiert selten, dass es die Falschen trifft."

Die "Richtigen", dazu gehören dann wohl auch jene Menschen, bei denen Sonneborn an der Tür klingelte, um sich als Vertreter von "Google Home View" Zugang zu privaten Wohnungen zu verschaffen. Die Leute stockten nur kurz, dann ließen sie sich noch in ihrem Schlafzimmer "fürs Internet" fotografieren. "Das zeigt einfach die menschliche Dummheit, das darf man demonstrieren", sagt Sonneborn.

Bei Facebook vor der SPD

Ist es okay, dann und wann auch auf die kleinen Leute feste draufzuhauen? "Die Entscheidung habe ich getroffen, als ich bei Titanic angefangen habe", sagt Sonneborn. Er rechtfertige das für sich damit, "dass es auch die kleinen Leute sind, die Neger schlagen und FDP wählen". Daran sei exakt "nichts" konstruktiv, das wisse er. Sonneborn sagt, er bewundere Politiker wie den SPD-Bundestagsabgeordneten Matthias Miersch, die sich gegen alle Widrigkeiten um Gutes bemühten. "Was wir machen, ist einfacher. Wir arbeiten destruktiv. Es macht Spaß, es ist lustig, und es muss auch gemacht werden."

Und so soll es gerne noch ein bisschen weitergehen. Thomas Gsella, sein Nachfolger als Titanic-Chef, sagte zu Sonneborn mal, er habe keine Lust mehr, komisch zu schreiben. "Das ist Unsinn", antwortete Sonneborn. Bei Älteren sehe er oft so einen Hang zum Ernsten, "das möchte ich eigentlich nicht. Ich habe nicht viel Lust, etwas anderes zu machen." Nicht, solange das Vergnügen noch quietscht. Und, was soll man sagen? Bei Facebook hat die PARTEI in der Zahl ihrer Fans gerade die SPD überholt.

© SZ vom 05.10.2013/mkoh
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