ProSieben-Völkerball-Meisterschaft Wenn Völkerball zur Fernsehkatastrophe wird

Viereinhalb Stunden lang geht es auf ProSieben um Völkerball. Immerhin können die sogenannten Promis dann kein anderes Programm verseuchen.

(Foto: obs)

Mangels Stefan Raab muss ProSieben nun "Promis" Völkerball spielen lassen. Leider kennen nicht einmal die Moderatoren deren Namen. Und wichtiger als der Sport sind gemachte Brüste.

Nachtkritik von Hans Hoff

Einen großen Vorteil kann man der großen Völkerball-Meisterschaft, mit der ProSieben am Samstagabend den kompletten Programmabend zukleisterte, nicht absprechen. Für mehr als viereinhalb Stunden waren 48 Verhaltensauffällige von der Straße, konnten also in dieser Zeit keine überflüssigen Schönheitsoperationen an sich verunfallen lassen, keine Insolvenzen anmelden oder andere Fernsehprogramme mit ihrer professionellen Nichtsnutzigkeit verseuchen.

Natürlich nennt ProSieben die Verhaltensauffälligen nicht verhaltensauffällig, der Sender nennt sie Prominente. Was man halt so behauptet, wenn man sehr viel Personal braucht, um jene Lücke zu füllen, die Stefan Raab mit seinem Abgang und dem Aus seiner Eventshows im Dezember gerissen hat. Wie prominent die Kandidaten wirklich sind, zeigt sich indes, wenn nicht einmal die Moderatoren deren Namen so ganz auf die Reihe kriegen. Als Annica Jansen begrüßt etwa Moderator Thore Schölermann eine Teilnehmerin und wird prompt von der korrigiert. Sie heiße Hansen, behauptet sie. Ah ja. Wird schon stimmen, wenn sie das sagt. Ist aber im Prinzip auch egal.

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Auf acht Teams teilen sich die 48 Teilnehmer auf und müssen einander nach gängigen Völkerballregeln abwerfen. Das ist keine per se schlechte Idee, und auf dem Papier mag sie sich durchaus charmant gelesen haben. In der zu besichtigenden Umsetzung allerdings gerät sie zur Fernsehkatastrophe, zur möglicherweise schlechtesten Show, die ProSieben seit dem Ochsenrennen im Jahre 2006 ausgestrahlt hat.

Alles wird egal. Wie soll man nüchtern bleiben?

Das Drama beginnt schon bei der optischen Umsetzung. Die als Dauerwerbesendung gekennzeichnete Sportsimulation wird im Stadion im westfälischen Halle vornehmlich als Totale präsentiert. Das ist eine durchaus übliche Kameraeinstellung für solche Events, funktioniert allerdings nur sehr bedingt, wenn man das Spielfeld mit Werbelogos pflastert und dem Bild so jede Übersichtlichkeit, jeden Kontrast und jede Klarheit raubt.

Dazu kommt ein schier unerträgliches Gerede von komplett überforderten Moderatorenautomaten und überdrehten Kommentatoren. Insbesondere letztere reden sich anfangs um Kopf und Kragen und greifen gerne mal in die Sexismuskiste. "Ich sehe die so gerne laufen, weil da einiges mitwippt", säftelt es aus der Kabine, als die als Bordellbesitzergattin und Brustimplantatträgerin bekannt gewordene Sophia Wollersheim abgeworfen wird.

Der Quatsch erklärt sich indes ansatzweise, wenn man hört, wie sich im Umfeld die Kandidaten selbst vorstellen. "Wenn da irgendwo ein paar gemachte Möpse durch die Gegend fliegen, ist das nicht mein Problem", protzt irgendein Detlef. "Ich habe in meinem Leben noch nie so viel investiert wie in meine Bälle", erklärt ein berüchtigtes Nacktmodell und meint natürlich ihre gestylten Brüste. "Ich habe zu viel Angst um meine Lippen", sagt eine andere Operierte, aber da ist dann auch schon alles komplett egal. Wie soll man da nüchtern bleiben?