"Pop-Legenden" in der ARD Reden über Amy

Der Auftakt der ARD-Reihe "Pop-Legenden" hätte ein Film über erstaunliche Musik sein können, oder einer, der sich dem eigentlichen Skandal dieses Lebens gestellt hätte: unserer Sensationsgier. Aber es kommt anders. Ein Jammer.

Von Jens-Christian Rabe

Nirgendwo wird man so schnell zur Legende wie in der Popmusik. Von Thomas Mann oder Franz Kafka etwa ist bis heute als "Legenden der Literatur" nicht die Rede. Sie sind einfach zwei hoch geschätzte deutsche Schriftsteller. Aber es ist natürlich kein Zufall, dass es im Pop immer ein bisschen zügiger "legendär" wird. Die Grunderregung ist hier einfach höher als in den älteren Künsten. Und weithin geteilte musikalische Qualitätsmaßstäbe sind noch seltener.

Wichtiger für den großen Erfolg ist die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - und sie nicht mehr zu verlieren. Ein Musiker ist dann recht schnell ein Star, und wenn er eine Hallen-Tour hinbekommt und ein paar Fernsehauftritte, dann ist es zum Superstar auch nicht mehr weit. Danach muss er nur noch entweder viel zu früh sterben oder scheinbar ewig durchhalten, schon hat er es geschafft: Man wird ihn eine "Pop-Legende" nennen. Wie die Zuschreibung "Star" und "Superstar" ist also auch die "Legende" längst kein Ehrentitel mehr, sondern - unter den Bedingungen des herrschenden gierigen Aufmerksamkeitskapitalismus - eine Art Berufsbezeichnung.

Mehr als Udo Lindenberg oder Tina Turner

Dass die ARD jetzt eine kleine Reihe mit Dreiviertelstunden-Porträts von bekannten Popsängern Pop-Legenden nennt, geht also schon irgendwie in Ordnung. Auch wenn man sich von einem Sender, für den man Zwangsgebühren bezahlt, erwartet hätte, dass er eine Reihe über Pop-Legenden in seinem Nachtprogramm nicht bloß mit Amy Winehouse (diesen Mittwoch), Udo Lindenberg und Tina Turner besetzt. Da hat die Popgeschichte, bei allem Respekt für die Genannten, schon noch ganz andere Legenden zu bieten.

Während man sich also etwas über die Wahl der Kandidaten wundert, startet man den Auftakt-Film über die 2011 gestorbene britische Soul-Sängerin Amy Winehouse, dem letzten weltberühmten Drogenopfer des Pop - und sieht nicht mehr als eine solide Starbiografie. Meistens erzählen Mutter, Vater, beste Freundin und Manager, wie das Unheil dieser begabten Musikerin mit der markanten alten Soul-Stimme seinen traurigen Lauf nahm und nicht mehr zu stoppen war. Dazu gibt es Archivbilder und -videos ihrer kurzen Karriere. Mehr als ein bewegter Lexikoneintrag mit Originaltönen aus dem privaten Umfeld wird es nie, wollte es vermutlich aber auch nicht sein.

Amy Winehouse

Ein Leben am Rand des Abgrunds

Worauf es in diesem Fall wirklich ankommt, spielt im Grunde keine Rolle. Die Überzeugung, dass ein wirklich guter, relevanter Film über eine zweifellos außergewöhnliche Musikerin gesendet werden sollte, scheint dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen abhanden gekommen zu sein. Ein Film über Amy Winehouse hätte ein Film über erstaunliche Musik sein können, oder einer, der sich dem eigentlichen Skandal dieses Lebens gestellt hätte, nämlich unser aller erbarmungslose Sensationsgier. Dass es anders kam, ist keine Überraschung. Und doch mal wieder ein echter Jammer.

Pop-Legenden: Amy Winehouse, ARD, 22.45 Uhr, weitere Folgen am 31. Juli und 7. August.