"Polizeiruf 110" Wer liebt, wer ist nur rollig?

Pauline (Alessija Lause) und Sebastian (Jan Krauter) in "Zehn Rosen", dem neuen "Polizeiruf" aus Magdeburg.

(Foto: MDR/Stefan Erhard)
  • Der "Polizeiruf 110" kommt in dieser Woche aus Magdeburg.
  • Im Mittelpunkt von "Zehn Rosen" steht das Leben einer Frau, die sich operativ wie psychisch eine Geschlechtsangleichung zugemutet hat.
  • Man sieht den Figuren in diesem Krimi gebannt zu - aber es gibt zwei eklatante Mängel.
Von Cornelius Pollmer

Die Schwermut von Hauptkommissarin Doreen Brasch hat den Polizeiruf aus Magdeburg immer mal belastet, in dieser Episode aber geht sie Ton in Ton mit der Handlung und ihren Figuren. Zu Beginn spazieren zwei Schulmädchen durch Kombinatsklinker. Birken wachsen aus Backstein, schwarzes Plastik krümmt sich zu Industrielakritz. Hinter einem dieser Haufen liegt die Leiche einer jungen Frau, ihre Beine sind verschnürt, die Knie wund. Brasch (Claudia Michelsen) fragt, ob die Fesseln eine symbolische Bedeutung haben könnten. Der Mann von der Spurensicherung sagt, er kenne sich mit Symbolen nicht so gut aus, es sei jedenfalls so, dass man mit Fesseln halt "nicht so gut laufen" könne.

In "Zehn Rosen" schimmert die Farbe Rot nicht allein im Titel. Sie leuchtet als Lack auf Schuhen, sie glimmt in einem Blumenstrauß, den Brasch als Nähe- und Erlösungsgesuch durch die Gegend trägt, von einer Enttäuschung zur nächsten. Viel Rot ist auch im Leben einer Händlerin, zu der bald der zutreffende Satz gesagt wird: "Sie sind Vater, Frau Schilling."

Pauline Schilling (Alessija Lause) hat sich, operativ wie psychisch, eine Geschlechtsangleichung zugemutet. Über ihr Leben erarbeitet sich der Film ein Umfeld, in dem fast alles Zwischenmenschliche vergiftet ist. Misstrauen überall, und deswegen: Fragen. Wer liebt, wer ist nur rollig? Wer überhaupt noch in der Lage, sich zu retten? "Lauter kranke Leute, das ist so zum Kotzen", sagt der Kriminalrat. Es tröstet kaum, dass man diesen Leuten teils gebannt zusieht, etwa dem von Psychopharmaka aus jeder Normalität geballerten Jan Freise (Sven Schelker).

In Summe sieben von zehn möglichen Rosen für diesen Film - und doppelter Punktabzug. Erstens: In welcher Welt wäre es plausibel, dass die Polizei erst beim zweiten Besuch am überschaubaren Tatort nicht ganz unwesentliche Dinge entdeckt, beispielsweise eine schwer nach sexuellem Missbrauch riechende Matratzenecke oder eine blutverschmierte Dusche? Zweitens, das wird man in der Erzählstruktur des Kriminalfilms nie verstehen: Muss es immer so laufen, dass nach Auflösung der TäterInnen-Frage alle Erzählstränge eiligst in der letzten Minute abgebunden werden? Es ist wie bei Popkonzerten, wenn gerade noch Flammenwerfer spuckten und Trapezkünstler sprangen - dann aber jedes Illusionsbemühen sofort erlischt und das Publikum bei vollem Saallicht aus der Halle gescheucht wird. Es ist, wie wenn ein Text einfach so und ohne Ankündigung aufhört.

Polizeiruf 110, Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

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