Online-Projekt "Floskelwolke" Sanfte Sprachpolizei

Die "Floskelwolke" habe sich "wie ein Lauffeuer" herumgesprochen, sagt Macher Udo Stiehl.

(Foto: floskelwolke.de)

"Blutbad", "Luft nach oben", "Tote gefordert": Welche Floskel taucht wie oft in den deutschen Medien auf? Das Online-Projekt "Floskelwolke" will genau das aufzeigen - und erhält im Netz begeisterten Zuspruch. Doch die Wolke hat Schwächen, das gibt auch Macher Udo Stiehl zu.

Von Thorsten Glotzmann

Wer eine E-Mail an Udo Stiehl schreibt, liest sie dreimal, ehe er sie abschickt. Aus Angst, es könnte sich ein schiefes Bild, eine abgenutzte Phrase eingeschlichen haben. Schuld daran ist das Projekt Floskelwolke, das seit zwei Wochen online ist. Die Journalisten Udo Stiehl und Sebastian Pertsch werten die Nachrichtenwebsites nahezu aller deutschsprachigen Zeitungen, Radiosender, Fernsehsender und Magazine aus. Eine Wolke, bestehend aus Floskeln, gibt Aufschluss darüber, wie häufig ein Begriff wie "Blutbad" oder eine Phrase wie "Luft nach oben" verwendet wurde.

Sprachpolizisten wollen die beiden nicht sein, sie wollen nichts verbieten und kein Medienbashing betreiben. Deswegen nennen sie auch keine Namen, listen erst recht nicht auf, welcher Begriff wo wie oft auftaucht. Es gehe schließlich nicht darum, Medien anzuprangern. Eine Google-Abfrage des Begriffs "Blutbad" liefert für Süddeutsche.de 1790 Ergebnisse, die Phrase "Luft nach oben" findet man sogar 7470 Mal.

Es ist fast beruhigend, dass Udo Stiehl selbst in Bildern spricht, die nicht mehr ganz so frisch sind: Die Floskelwolke sei über die "Journalistenblase" weit hinausgegangen, sagt er, das Projekt habe sich "wie ein Lauffeuer" herumgesprochen.

Wie ein Lauffeuer, das bedeutet: am Mittwochmorgen mehr als 2000 Likes bei Facebook, fast ebenso viele Follower bei Twitter, begeisterte Besprechungen in diversen Medien. "Wir sind völlig überrascht, wir haben mit diesem Zuspruch nicht gerechnet", sagt Stiehl.

Zugriffszahlen nach dem ersten Hype zurückgegangen

Doch die Wolke ist recht beständig, sie verändert sich kaum. In den ersten elf Tagen stand "Tote gefordert" an der Spitze des Rankings. "Das hätte ich so nicht erwartet", sagt Stiehl. "Das liegt aber sicher daran, dass die Wolke noch so klein ist." Zweimal am Tag überprüfen die beiden Nachrichtenredakteure per Google 50 Floskeln und Phrasen.

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Bald sollen es 200 sein. Damit den Besuchern bis dahin nicht langweilig wird, haben die beiden eine zweite Wolke geschaffen, eine Trendwolke, die anzeigt, welcher Begriff in den vergangenen 24 Stunden am stärksten gewachsen ist. Trotzdem lässt die Aufmerksamkeit nach. "Unsere Zugriffszahlen sind nach dem ersten Hype zurückgegangen. Der Neuigkeitseffekt ist jetzt erst mal weg."

Ein weiteres Problem ist, dass die Auswahl keineswegs repräsentativ, geschweige denn sprachwissenschaftlich fundiert ist. Sie ist der redaktionellen Erfahrung von Stiehl und Pertsch entsprungen und damit höchst subjektiv. "Wir wurden schon nach linguistischen Begründungen gefragt", sagt Stiehl. "Dazu kann ich aber nichts sagen. So weit bin ich in der Materie nicht drin."