Online-Magazin Vice "So weit kann man gehen"

"Mir geht es gut, es geht allen gut, es war kathartisch", sagt Vice-Vizechefredakteurin Hanna Herbst.

(Foto: Ingo Pertramer)

Alle acht Mitarbeiter der österreichischen "Vice" verlassen die Redaktion. Vize-Chefredakteurin Hanna Herbst erklärt, warum sie sich nicht von Deutschland aus steuern lassen wollen.

Interview von Kathleen Hildebrand

Am Montagabend kam die Mitteilung über die sozialen Medien: Alle acht Mitarbeiter werden die österreichische Redaktion des Online-Magazins Vice verlassen. Sie begründen ihre Entscheidung mit der Umstrukturierung, die die Vice-Zentrale in Berlin für die Redaktionen in Deutschland, der Schweiz und Österreich plant. Zukünftig soll es nur noch eine Chefredaktion mit Sitz in Berlin unter Leitung von Laura Himmelreich geben. Für die Teams in der Schweiz und in Österreich ist nurmehr eine Redaktionsleitung vorgesehen. "Wir verzeichnen derzeit personelle Abgänge in der Redaktion in Wien, die auf eigenen Wunsch erfolgen und uns natürlich schmerzen", schreibt ein Sprecher von Vice DACH (Deutschland-Österreich-Schweiz) in einem Statement. Hanna Herbst, scheidende Vizechefredakteurin von Vice Österreich, erklärt, wie es zu der außergewöhnlichen Entscheidung der österreichischen Vice-Redaktion kam.

SZ: Zusammen mit der Nachricht, dass die Mitarbeiter die Redaktion verlassen, haben Sie gestern ein Partyfoto gepostet, auf dem die Redaktionsmitglieder anstoßen. Wie ist die Gefühlslage heute?

Hanna Herbst (lacht): Das Anstoßen war nicht gestern, das Foto stammt von einer Redaktionsklausur vor ein paar Jahren. Wir waren aber zusammen essen, um die Entscheidung gemeinsam zu verarbeiten. Mir geht es gut, es geht allen gut, es war kathartisch. Wir haben sehr viel positives Feedback bekommen in den sozialen Medien. Es hat vielen Mut gemacht, zu sehen, dass man etwas ablehnen kann, wenn man nicht mehr dahintersteht. Auch wenn es gerade als Journalist schön ist, eine feste Anstellung zu haben, haben wir gezeigt: So weit kann man gehen.

Es heißt, es habe schon seit einem Jahr einen schleichenden Autonomieverlust bei "Vice" Österreich gegeben. Wie hat sich der gezeigt?

Wir waren in den Anfangsjahren eine vollkommen eigenständige Redaktion, die selbst bestimmt hat, welche Artikel sie schreibt. Erst unter der Leitung von Chefredakteur David Bogner und dann unter der von Markus Lust haben wir vor allem sehr viel über österreichische Innenpolitik geschrieben. Im Kurier stand mal, dass die Vice sich ein sensationelles Standing in diesem Bereich erarbeitet habe. Wir haben dafür Preise gewonnen, das hat uns ausgemacht. Dieser Fokus ging durch die Umstrukturierung mehr und mehr verloren. Auch wenn das nie drastische Eingriffe waren, war es ernüchternd. Als vor zwei Wochen die Entscheidung fiel, die österreichische und die Schweizer Chefredaktion aufzulösen und alles von Deutschland aus zu steuern, hat sich diese Entwicklung verschärft.

Man wollte also weniger Österreich-Fokus und mehr "Welches Gleitgel passt am besten zu meinem Mittagessen"?

Nein. Das ist nicht mehr das, worüber Vice schreibt. Aber österreichische Innenpolitik ist natürlich nicht das, was die Vice-Leser im gesamten deutschsprachigen Raum interessiert. Wir sollten mehr Artikel produzieren, die für alle Vice-Kanäle in Deutschland, der Schweiz und Österreich interessant sind. Aber gerade in der derzeitigen politischen Lage in Österreich, mit der FPÖ in der Regierung, fanden wir das falsch.

Sehen Sie die Arbeit von "Vice" Österreich als Kampf gegen rechts?

Wir hatten nie eine Blattlinie, aber eine ganz klare Meinung: Wir stellen uns gegen Sexismus, gegen Homophobie, gegen Rassismus. Gegen jede Form der Diskriminierung. Was das über unsere Einstellung zur derzeitigen Regierung sagt, ist dann wohl selbsterklärend.

Gab es für die Entscheidung der Redaktion auch personelle Gründe in der deutschen "Vice"-Chefetage?

Auch. Aber man sollte nie im Schlechten auseinandergehen.

Wie schnell war klar, dass die gesamte Redaktion geschlossen sagt, wir hören auf?

Wir verlassen alle die Redaktion, aber es haben nicht alle im klassischen Sinn gekündigt. Ich zum Beispiel gehe in Bildungskarenz. Andere Kollegen machen es genauso, ein anderer wechselt innerhalb der Firma, andere haben gekündigt. Als bekannt wurde, dass die österreichische Chefredaktion aufgelöst wird, haben die Letzten sich innerhalb von ein paar Tagen entschieden, zu gehen.

Was haben die Redaktionsmitglieder jetzt vor?

Eine Kollegin hat schon eine Neuanstellung gefunden. Wer in Bildungskarenz geht, wird sich weiterbilden. Wir alle haben seit gestern Jobangebote bekommen, manche davon sind mehr, manche weniger interessant. Es ist niemand gegangen, weil er etwas anderes vorhatte. Sondern weil es Zeit war, zu gehen.

"Das dürfte den FPÖ-Herren zu denken geben"

Der österreichische Liedermacher hat sich mit der radikal rechten Regierungspartei angelegt. Darauf wird Ambros' uralte Winterhymne "Schifoan" zum Sommerhit. Von Oliver Das Gupta mehr...