bedeckt München 21°
vgwortpixel

Olympia-Verschiebung:"Das ist in der Sportwelt einmalig"

Rio 2016 - TV-Kameramann beim Bogenschießen

Aller Absagen und Verschiebungen zum Trotz will das ZDF versuchen, die Sportberichterstattung aufrechtzuerhalten.

(Foto: dpa)

Die Olympischen Spiele in Tokio wurden wegen der Coronavirus-Pandemie verschoben. ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann erklärt, was das für die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bedeutet.

Die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio wurden wegen der Coronavirus-Pandemie als erste in der 124-jährigen Geschichte verschoben. Sie sollen nun voraussichtlich vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 stattfinden. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF haben für die Übertragungsrechte in einem Sublizenz-Deal mit dem Eurosport-Mutterkonzern Discovery angeblich 221 Millionen Euro bezahlt. Ein Gespräch mit ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann über jahrelange Planung, mögliche finanzielle Folgen und einen durcheinandergewirbelten Weltsportkalender.

SZ: Herr Fuhrmann, die Olympischen Spiele in Tokio werden auf Sommer 2021 verschoben. Seit wann hatten Sie sich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern auf diese Entscheidung bereits eingestellt?

Wir haben uns seit etwa zwei Wochen mit diesem Szenario sehr intensiv beschäftigt. Nach der Verschiebung der Fußball-Europameisterschaft, die am 17. März bekannt gegeben wurde, sprach natürlich alles dafür, dass das auch bei den Olympischen Spielen unausweichlich sein wird.

Ein Großereignis wie Olympia dürfte eine große logistische und planerische Herausforderung für einen TV-Sender sein.

Olympia ist das mit Abstand größte globale Sportereignis der Welt, die Vorbereitungen laufen schon seit zweieinhalb Jahren. Noch im Februar waren einige Kollegen und ich in Madrid, um mit OBS, der Fernsehtochterfirma des Internationalen Olympischen Komitees, die Planungen voranzutreiben. Nicht für Tokio 2020, sondern für die Winterspiele in Peking 2022. Das zeigt den zeitlichen Rahmen, in dem das Ganze abläuft. Wir mussten also eine Vollbremsung hinlegen. Die Bauteile für unser Fernsehstudio in Tokio haben wir vergangene Woche in Hamburg zusammen mit den Kollegen vom NDR abgenommen. Mitte April sollte der Container verschifft werden. Das konnten wir jetzt alles noch rechtzeitig stoppen.

Thomas Fuhrmann

Thomas Fuhrmann, 54, ist seit 2017 Sportchef des ZDF und damit mitverantwortlich für die Ausstrahlung der Olympischen Spiele im deutschen Fernsehen.

(Foto: Thomas Kierok/ZDF)

Wie viele Mitarbeiter sind betroffen?

ZDF und ARD hatten geplant, dass nach Tokio ungefähr 300 Kollegen aus Redaktion und Technik fahren sollten, etwa 200 weitere hätten im Nationalen Fernsehzentrum in Mainz gearbeitet.

Welche Auswirkungen hat die Verschiebung auf Ihre Mitarbeiter?

Wir planen mehrgleisig. Die Aktualität im ZDF fährt Sonderschichten, dort wird Hilfe gebraucht, und einige Sportkollegen haben bereits für andere Formate in der Berichterstattung zur Corona-Krise gearbeitet. Gleichzeitig senden wir vorläufig das Aktuelle Sportstudio und die ZDF Sportreportage weiter. Zur Wahrheit gehört aber auch: Nur für Tokio hatten wir auch einige freie Mitarbeiter engagiert, die unsere Sportredaktion unterstützen sollten. Sie werden diesen Job, zumindest in diesem Jahr, nun leider nicht wahrnehmen können.

Auch abgesehen von Olympia wäre 2020 ein vollgepacktes Sportjahr gewesen.

Für diese Situation gibt es keine Blaupause, das ist in der Sportwelt einmalig. Alles steht still, die Bundesliga pausiert mindestens bis Mai, die Fußball-Europameisterschaft ist ebenfalls ins nächste Jahr verschoben. Es sind also Programmlücken entstanden, die geschlossen werden müssen. Wir versuchen die Sportberichterstattung aufrechtzuerhalten. Dafür gibt es auch die passenden Formate, im Sportstudio hat der Säbelfechter Max Hartung ja kürzlich ein viel beachtetes Statement abgegeben, das vielleicht auch einen Einfluss auf die Verschiebung von Olympia hatte. Darin sehen wir jetzt unsere Aufgabe.

Die Öffentlich-Rechtlichen sollen 221 Millionen Euro für die TV-Rechte bezahlt haben. Wie groß könnte der finanzielle Schaden werden?

Rechtekosten kommentiere ich nicht, aber für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist klar, dass sie die Olympischen Sommerspiele im kommenden Jahr im ZDF sehen können, im Wechsel mit der ARD. Wir prüfen gerade, welche Kosten im Produktionsbereich entstehen. Viele technische Dienstleistungen können wir in das Jahr 2021 schieben.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Werbekunden haben sich nicht nur Präsenz beim weltgrößten Sportfest, sondern auch einen sehr exklusiven Zeitraum gesichert: einen fußballfreien Monat im Sommer. Auch Überschneidungen mit der Fußball-EM können nicht völlig ausgeschlossen werden. Was würde das bedeuten?

Der komplizierte und austarierte Weltsportkalender ist jetzt tatsächlich komplett aus den Fugen geraten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sich zwei globale Ereignisse wie Olympia und die Fußball-Europameisterschaft überschneiden werden. Es ist im Interesse aller Beteiligten, sich dort nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen.

Dann wäre aber eine Konkurrenzsituation mit der Fußballbundesliga oder Champions League unausweichlich. Beim Beachvolleyball-Finale 2016 der Frauen in Rio de Janeiro haben acht Millionen Menschen zugeschaut. Ließe sich so eine Zahl realisieren, wenn parallel der FC Bayern spielt?

Selbst wenn es zu Überschneidungen käme, glaube ich, dass die Olympischen Spiele ihre Strahlkraft behalten. Wenn diese Krise erst einmal hinter uns liegt, und wir hoffen alle, dass das bald der Fall sein wird, dann wird auch langsam wieder Normalität einkehren. Die Bevölkerung steht in großen Teilen hinter den Spielen, und diese Begeisterung wird sich auch auf den deutschen Fernsehzuschauer übertragen.

IOC-Präsident Thomas Bach hat in der öffentlichen Wahrnehmung als oberster Repräsentant des olympischen Geistes Solidarität vermissen lassen. Hat das Produkt Olympia einen Imageschaden erlitten?

Mir fällt es in diesen Zeiten schwer, in Images und Produkten zu denken. Ich glaube, die Olympischen Spiele, getragen von den Athletinnen und Athleten, können mehr denn je eine verbindende Wirkung entfalten.

© SZ vom 30.03.2020/cag
A man walks past a large display promoting the Tokyo 2020 Olympics in Tokyo, Japan on March 25, 2020, a day after the T; Tokio Olympia

Tokio
:Über Olympia 2021 hängt eine dunkle Wolke

Die verschobenen Tokio-Spiele sollen exakt ein Jahr später stattfinden. Für IOC-Präsident Bach wird ihr Erfolg nach dem desaströsen Krisenmanagement essentiell - Olympias größtes Werbepotenzial steht auf dem Spiel.

Von Thomas Kistner

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite