Presseschau zum Özil-Rücktritt "Während Seehofer sich mit Merkel beschäftigt, übernimmt Grindel die Drecksarbeit"

Das "Deutschsein" abgesprochen: Fußballer Mesut Özil.

(Foto: dpa)

Der Rücktritt von Mesut Özil löst eine Debatte in den Medien aus. Die einen werfen dem Fußballer fehlende Haltung vor. Die anderen sehen ihn als Opfer einer neuen Loyalitäten-Diktatur. Ein Blick in die Presse.

Die Zeit sieht in Mesut Özils Rückzug ein "fatales Signal in einer besorgniserregenden Zeit":

"Ein deutscher Nationalspieler tritt zurück, weil er sich rassistisch angefeindet fühlt. Noch einmal, weil es bis vor Kurzem noch so unvorstellbar klang: Ein deutscher Nationalspieler tritt zurück, weil er wieder und wieder rassistisch beleidigt wurde. Weil er, wie er schreibt, während der WM als 'Türkensau' bezeichnet wurde. Weil andere ihn einen 'Ziegenficker' schimpften und ihn zurück nach Anatolien wünschten. Wegen all der Mails und Anrufe und Beschimpfungen in den sozialen Medien, die er und seine Familie erhielten, und auf die Özil gar nicht erst eingehen wollte. Und noch einmal, es ist wichtig: Im Jahr 2018 tritt ein deutscher Nationalspieler wegen Rassismus zurück. Was ist nur los mit diesem Land?"

Die Bild-Zeitung spricht von einem Jammer-Rücktritt und kommentiert Özils Statement, Aussage für Aussage:

"Özil: 'Was ich nicht akzeptieren kann, ist, dass die Medien die schlechte Weltmeisterschaft einer ganzen Mannschaft auf meine doppelte Herkunft und ein Foto schieben.'

Bild-Analyse: Kompletter Unfug, pures Selbstmitleid. Keine deutsche Zeitung, Website, kein Sender hat Özils türkische Wurzeln für die Katastrophenleistung der Nationalelf verantwortlich gemacht. Von Özil frei erfunden, um sich zum Opfer rassistischer Ungerechtigkeiten in den Medien zu machen."

"Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt"

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wirft Mesut Özil vor, in seiner Rücktritts-Erklärung an der eigentlichen Frage vorbeigeschrieben zu haben:

"Mesut Özil hat sich erklärt, heißt es nun. Hat er das? Gut zwei Monate nach seinem Foto mit dem türkischen Autokraten Erdoğan erfahren wir, was schon lange bekannt ist. Dass der hochbegabte Fußballspieler zwei Herzen in seiner Brust hat, dass er an dem Land seiner Eltern und Großeltern hängt. Das ist gut so. Niemand sollte seine Wurzeln verleugnen, weder die seiner Vorfahren in der Türkei, noch seine eigenen in Gelsenkirchen.

Özil tut das nicht. Aber er schreibt in seiner Antwort an der eigentlichen Frage vorbei: Wie steht er zu Menschenrechten, zu Pressefreiheit, wie sie in der Türkei unter Erdoğan ignoriert werden? Özils Landsleute, die aus Deutschland, und die Landsleute von Özils Ahnen, haben die Folgen zu tragen. Dazu eine Auskunft vom deutschen Nationalspieler zu erhalten, ist keine Gewissensprüfung ohne Hintergrund."

Das Magazin Cicero sieht in Özils Rücktritt ein "fatales Signal für die Integration von Einwanderern":

"Am liebsten würden Fans der Nationalmannschaft diesen Fußball-Sommer wohl schnell vergessen. Doch das ist nicht leicht. Denn nicht nur Fußballspiele gingen in diesem Sommer verloren. Die große Erzählung vom Fußball als Integretationsmotor, vom großen Volkssport, der die aus verschiedenen Völkern stammenden in Deutschland lebenden Menschen zusammenbringt, kann nun seit dem Rücktritt Mesut Özils aus der Nationalelf nicht mehr erzählt werden."

Die taz wirft dem DFB vor, zu einer "Inquisitionskammer der Neurechten" zu verkommen:

"Dass Özil mit seinem Erdoğan-Foto sich selbst und vielen anderen einen antidemokratischen Bärendienst erwiesen hat, steht außer Frage. Doch die meisten 'Fans', die Özil in Stadien und auf Twitter rassistisch beschimpften, irritiert nicht, dass der Fußballer sich mit einem Diktator abbildet, sondern, dass er diesen Diktator als 'seinen Präsidenten' bezeichnet. Özils mühsam erarbeitete Zugehörigkeitsvermutung zur 'deutschen Volksgemeinschaft' wird mit Pfiffen einkassiert. Eine Warnung an uns alle - egal, wie gut und fleißig ihr seid, ein einziger Illoyalitätsverdacht - und ihr seid raus!

Spätestens hier sind wir im Heimatministerium DFB angelangt. Während Seehofer sich mit Merkel beschäftigt, übernimmt Grindel die Drecksarbeit und macht aus dem Volksverband DFB eine Inquisitionskammer der Neurechten. Jetzt, wo der 'Türke' Özil den Deutschen keinen Sieg aus Moskau gebracht hat, solle er sich bekennen: entweder zu Deutschland oder schuldig! So klingt die neue Loyalitäten-Diktatur im deutschen Fußball."

Spiegel Online hingegen kritisiert die Berichterstattung über die Causa Özil:

"Auffällig an der Berichterstattung seit dem sogenannten Erdogate ist aber die Selbstverständlichkeit, mit der viele so tun, als gebe es einen klaren Wertekatalog, zu dem sich alle Menschen, die mit dem deutschen Fußball zu tun haben, bekennen müssen. In einen solchen Wertekanon passt anscheinend Nähe zu Erdoğan nicht. Weil in der Türkei Meinungsfreiheit unterdrückt wird, weil Journalisten und Oppositionelle eingesperrt werden.

In Deutschland wird das Denken aber nicht vorgegeben. Hier herrscht Meinungsfreiheit. Und die gilt für AfD-Anhänger genauso wie für Fußballspieler und für viele Erdoğan-Fans, die hier leben. Mit ihnen darf und muss man streiten. Aber man darf sie wegen ihrer Positionen nicht von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausschließen. Bei der Kritik an Özil und Gündoğan schwang aber von Beginn an mit, dass den beiden Sportlern das 'Deutschsein' abgesprochen wurde. Was für eine Anmaßung."

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