Nikolaus Brender und das ZDF:"Wie geht man damit um?"

Streiten kann er leidenschaftlich, das wissen auch seine Mitarbeiter. "Ich mag Auseinandersetzungen", sagt Brender. Die Umbrüche in Lateinamerika kommen ihm in den Sinn. Er hat sie als Korrespondent erlebt - Gesellschaften, die sich gerade von der Diktatur zu Demokratien wandelten. Diejenigen, die es offen und kämpferisch taten, sagt Brender, seien viel weiter gekommen als die Vertuscher. Im Bad der Altbauwohnung bei Brenders in Charlottenburg hängt ein Schild der argentinischen Post neben einem argentinisches Filmplakat mit dem jungen Ronald Reagan als B-Darsteller. Zur Lateinamerika-Zeit passt optisch Brenders Schauzbart und die winzige Tango-Locke, die ihm zuweilen seitlich in die Stirn fällt. Nikolaus Brender war immer ein A-Darsteller.

Das ZDF ist keine Diktatur, das sich zur Demokratie wandelt, aber klar ist auch, dass die ZDF-Story mit diesem dramatischen Schnauzer kein Schmusefilm wurde.

Zuweilen überrascht Brender auch mit Gemütlichkeit: "Die Einflussnahme von Politikern", findet er, "ist normal. Die Frage ist: Wie geht man damit um?" Gegen schwache Intendanten könne man nichts tun. Er macht sich vor allem Sorge ums Programm. Weil der "Korridor des Parteiendenkens", wie er es nennt, den Blick verenge. Diese Stimmung drohe dann auf den Sender überzugreifen. "Das ist dann schlechtes Fernsehen. Das ist eine Bestrafung des Publikums." Er weiß auch: "Der Rundfunk ist einer der letzten Bereiche geblieben, in dem die Politik glaubte, unantastbar zu sein." Dass Brender das anders sieht, bekamen viele zu spüren, am prominentesten der auf Krawall gebürstete Bundeskanzler Gerhard Schröder, den Brender in der Elefantenrunde 2005 zur Ordnung rief. Das geschah höflich, aber es war auch der größtmögliche Affront im deutschen Fernsehen.

Abgang ohne Groll

Am letzten Märztag 2010 verlässt Nikolaus Brender den Sender. Wenig später zieht er mit der Familie auch aus Wiesbaden weg, wo er vom Schlafzimmer aus morgens bei schönem Wetter auf der anderen Seite des Rheins den dicken Kasten des ZDF sieht. Brender sagt, er sei ohne Groll gegangen. Ein Jahr lang nimmt er eine Auszeit, das hat er seiner Frau versprochen. Später moderiert er bei n-tv einen TV-Talk, der nach der Bundestagswahl 2013 endet, hält Vorträge. Er macht familiäre und persönliche Erfahrungen, die ihm sehr viel bedeuten, und die ihn alles andere vergessen lassen. Noch immer aber weiß man bei einer Begegnung mit Brender nie, ob er nun mehr Gemütlichkeit oder Angriffslust ausstrahlt. So sehr hat er sich eigentlich nicht verändert. Aber er hat ein neues Leben.

In das alte bringt ihn nun das Urteil zurück. Es begeistert ihn auch, weil es, wie er findet, etwas von dem aufnimmt, was im Netz passiert: Es schaffe in den Gremien einen breiteren Begriff von Öffentlichkeit. Brender sieht es als Entwicklungsauftrag. "Im Grunde sind das noch Aufsichtsgremien wie aus den 60er Jahren, aus einer stabilen Gesellschaft, in der die Leute ihren Beruf angetreten haben und bis zur Rente darin blieben. Das ist heute aber nicht mehr so. Wenn sich die Lebenswirklichkeiten dieses Landes im Sender nicht mehr wiederfinden, dann wird es schwierig." Wenn Brender von der Senderverfassung spricht, kann man auf die Idee kommen, dass sie viel mit dem Programm zu tun hat, für das ARD und ZDF so kritisiert werden.

Am Nachmittag beglückwünschen ihn in Berlin auf dem Weg zur Buchhandlung fremde Menschen auf der Straße. Er ist für sie der Mann, der die Herrschaft der Politiker über das Fernsehen gebrochen hat.Das Urteil ist der größte Triumph seines Lebens. Aber Brender wirkt nicht wie einer, der triumphiert. Der berühmteste Chefredakteur aller Zeiten ist einfach vergnügt.

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