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New York Times:Öffentliche Gänsehaut

Öffentliche Gänsehaut passt nicht zu den Neutralitätsregeln der Zeitung.

(Foto: ANGELA WEISS/AFP)

Die "New York Times" trennt sich von einer Newsdesk-Mitarbeiterin - angeblich wegen eines Tweets. Doch das ist nicht die ganze Geschichte.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Was zwischen der New York Times und der Journalistin Lauren Wolfe vorgefallen ist, das wissen nur Wolfe und die Mitarbeiter dieser Zeitung. Jedenfalls ist Wolfe nicht mehr für die Times tätig, am Samstag schrieb sie selbst bei Twitter: "Schwer vorstellbar, dass wir hier in der Timeline über Cancel Culture reden und ich während dieser Pandemie ohne Einkommen dastehe." Wolfe nannte keinen Grund für die Trennung.

Es begann dann das, was heutzutage oft beginnt: Netz-Empörung, die auf Spekulationen basierte. Hatte die Times eine Mitarbeiterin gefeuert, weil sie nicht objektiv genug gewesen war? Wolfe hatte am Dienstag, am Tag vor der Vereidigung von Joe Biden als neuer US-Präsident, auf Twitter geschrieben, dass sie bei der Ankunft Bidens in Washington "chills" habe. Gänsehaut. Der Original-Tweet befindet sich inzwischen nicht mehr in ihrer Timeline, ist aber als Screenshot belegt. Zahlreiche Journalisten hatten das in den Medien genau so beschrieben, und da beginnt das Problem.

Sean Hannity ätzte bei Fox News gegen den "Media Mob" und gegen Journalisten, die sich als Biden-Freunde zu erkennen geben

Sean Hannity nämlich, der rechtskonservative Provokateur des Kabelsenders Fox News, begann bereits am Mittwochabend mit der Kollegenschelte: "Chills and Thrills" habe der "Media Mob", also Gänsehaut und Nervenkitzel. Es sei doch ekelhaft, wie Journalisten ihre Objektivität über Bord werfen und sich als Biden-Fans zu erkennen gäben; die New York Times nannte er dabei die "New York Toilet Paper Times": "99 Prozent aller Journalisten werden nun in einen vier Jahre langen Urlaub gehen. Denen kitzelt es nun zwischen den Beinen, sie sabbern regelrecht."

Natürlich prangert Hannity, wenn er über mangelnde Objektivität spricht, genau das an, womit er seit Jahren täglich sein Publikum unterhält - nur: Hannity ist ein schamloser Meinungsmacher, das ist bekannt. Die Times jedoch rühmt sich dafür, dass speziell der Newsdesk objektiv und neutral sei. Das zeigt sich bis in die Strukturen. Anders als im deutschen Journalismus gibt es eine strikte Trennung zwischen Reportern, dem Newsdesk und dem Meinungsressort, das unabhängig und auch räumlich getrennt vom Rest der Zeitung agiert. Die New York Times hat also einen anderen Anspruch und Ruf als Hannity.

Lauren Wolfe bekam Drohungen und unerwünschte Aufmerksamkeit von der Boulevardpresse.

(Foto: Deborah Feingold/www.laurenwolfe.com)

Nun aber suchten seine Zuschauer nach den Worten "chill" und "thrill" auf sozialen Kanälen, und sie fanden "chill" bei Wolfe. Es verbreitete sich, wie das heutzutage ist, rasend schnell, dass eine New-York-Times-Mitarbeiterin Gänsehaut bei der Ankunft von Joe Biden gehabt habe. Die Empörung war groß, Wolfe bekam nach eigenen Angaben böse E-Mails, und sie schrieb bei Facebook, dass sie sich mehr Rückendeckung von der Times gewünscht hätte. Sie veröffentlichte Bilder von einigen Mails, die sie bekommen hatte. Die Sprache darin: homophob, misogyn und bisweilen einfach nur beleidigend.

Wolfe ist eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin. Sie bezeichnete das Ende ihrer Arbeit für die Zeitung als "Entlassung", und das war ein weiterer Shitstorm-Beschleuniger. Hatte die New York Times wirklich jemanden wegen des Wortes "chill" entlassen? In den 2017 erlassenen und 2020 präzisierten Regeln für das Verhalten von Mitarbeitern auf Social Media ist explizit die Rede davon, dass Newsroom-Mitarbeiter jegliche Äußerungen vermeiden sollen, die das Ansehen der Zeitung im Hinblick auf Neutralität und Fairness beschädigen könnten.

Die "Times" stellt klar, das Arbeitsverhältnis sei nicht "wegen eines einzelnen Eintrags bei Twitter" beendet worden

Nach der Aufregung über den Tweet folgte am Donnerstag die Aufregung über die vermeintliche Entlassung. Die Boulevardzeitung New York Post veröffentlichte am Freitag einen Text über die Trennung, sie zeigte dabei ein Paparazzi-Foto von Wolfe mit ihrem Hund und behauptete, sie hätte sie zu erreichen versucht. Wolfe schrieb daraufhin bei Twitter: "Seid ihr stolz darauf, mich zu verfolgen? Und darauf, dass ihr lügt und behauptet, ihr hättet mich 'nicht erreichen können', wenn ihr nie versucht habt, mich zu kontaktieren?" Das sei also die Art, über ihre journalistische Arbeit zu urteilen - "während mich euer Fotograf verfolgt und ich Todesdrohungen kriege? Schämt euch!"

Am Sonntag verschickte Times-Sprecherin Danielle Rhoades Ha ein Statement, das der SZ vorliegt. Zunächst einmal, so Ha, sei Wolfe nicht bei der Times angestellt gewesen, sie könne gar nicht gefeuert werden. "Es zirkulieren auf Twitter gerade eine Menge ungenauer Informationen", heißt es: "Aus Gründen der Privatsphäre reden wir nicht über Details beim Personal, aber wir können sagen, dass wir das Arbeitsverhältnis mit einer Mitarbeiterin nicht wegen eines einzelnen Eintrags bei Twitter beendet haben. Aus Respekt vor den beteiligten Personen werden wir die Angelegenheit nicht weiter kommentieren."

Hannity hat jedenfalls damit zu tun, weil er die komplette vergangene Woche über auf vermeintlich subjektive Äußerungen des, wie er immer wieder sagte, "Fake News Media Mob" hinwies. Eine renommierte Journalistin wird nun beschimpft, beleidigt und bedroht; sie steht zudem ohne Einkommen da, auch wenn sich Kollegen solidarisch äußern und offenbar Spenden (Wolfes Konto beim Bezahldienst Venmo war veröffentlicht worden) sowie zahlreiche Jobangebote bei ihr eingegangen sind. Die Reputation der Times ist zweifach angekratzt, einerseits wegen des Wortes "chills" von einer Mitarbeiterin - und dann wegen des Verdachts von Cancel Culture, dem Mundtotmachen von Leuten.

Was wirklich passiert ist, das wissen allerdings nur Wolfe und die Verantwortlichen der Times. Die wollen sich nicht weiter äußern, und auch Wolfe hat die Gründe für die Trennung, auf Anfrage der SZ, nicht genannt. Sie hat sich auf Twitter für die Solidarität der Kollegen bedankt, dann hat sie ihren Kanal erst einmal eingefroren. Der letzte Eintrag übrigens, und auch das ist wichtig: "Ich weiß die Unterstützung aller wirklich zu schätzen, aber ich muss um einen Gefallen bitten. Bitte kündigt nicht euer Abonnement bei der New York Times. Ich habe diese Zeitung und ihren Auftrag mein Leben lang geliebt. Der Journalismus dort gehört zum Wichtigsten und Besten auf der Welt, und sie muss weitreichend gelesen werden. Danke."

© SZ/tyc
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