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Neues Natur-Magazin "Walden":Was die wilden Kerle wollen

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"Ich bin dann mal raus!": Draußen, in der Natur, muss Alleinsein nicht Einsamkeit bedeuten, auch das beschreibt das Magazin "Walden".

(Foto: imago/Westend61)

Männer können jetzt im Magazin "Walden" nachlesen, wie schnell ein Grizzlybär rennt. Trotzdem sollten sie beim Waldausflug nicht die Funktionsjacke vergessen - sonst wird's doch noch gefährlich.

Von Gerhard Matzig

"Zurück in der Stadt . . . ich stinke nach Wald und Lagerfeuer . . . das Essen ist nahrhafter, die Frauen sind schöner." Spätestens auf Seite 37 empfindet man Dankbarkeit für die zivilisatorischen Errungenschaften unserer Epoche. Die Sanitärtechnik, zum Beispiel, sie lebe hoch.

Alastair Humphreys, Brite und bekannter Outdoorling ("ist schon um die Welt geradelt"), erzählt in Walden , der neuen Zeitschrift, "auf die Männer gewartet haben, die Sehnsucht nach der Natur verspüren", von seinen Abenteuern im Wäldchen, wo er sich ein paar Tage lang "nur von dem ernährt hat, was die Natur bietet".

Und dann kommt er heim und bemerkt die Frauen. Viel schöner sind sie jetzt. Überhaupt alles ist viel intensiver, der Espresso, das Essen, das Leben . . . Humphreys: "Ich bin dankbar für diese Lektion."

O du Waldschrat, denkt man, und jetzt? Jetzt sind die Frauen schön und das Leben ist toll - nur leider riechst du so, als ob du drei Tage lang in der Biotonne übernachtet hättest. Und muss man sich wirklich Klettenwurzel und Samen der Ferkelnuss reinziehen, um die kulturelle Höchstleistung "Espresso" wiederentdecken zu können?

Falls wir Männer dermaßen zivilisationsmüde und traumatisiert sind vom Büro-Alltag, dass wir nun lieber Baumstämme statt Frauen umarmen, so weist uns Walden den Holzweg: zurück zur Natur.

Gut zu wissen

Walden illustriert die aktuelle Neo-Nature-Ära, wie das sonst nur noch der sagenhaft erfolgreichen Zeitschrift Landlust gelingt. Walden ist die männliche Antwort auf die weibliche Landlust-Verherrlichung des Knöterichs. Nur ohne Knöterich, dafür mit etwas mehr Abenteuer, Kanu-Bauen, Bushcraften, Trappergeschichten und Notfall-Wissen.

Ein Lauffeuer, weiß man jetzt, ist 25 km/h schnell. Ein Grizzlybär 65 km/h. Gut zu wissen, falls man mal beiden gleichzeitig begegnet und nicht weiß, vor wem man zuerst wegrennen soll.

Antwort auf postindustrielle Krisen

Die allgemeine Sehnsucht nach Entschleunigung und Rückbesinnung auf das Wesentliche, nach dem Natur-Erhabenen in durchgetaktet asphaltierten Zeiten, die eine Zeitschrift wie Walden hervorbringt, ist den Fliehkräften der verstädterten Moderne und ihren Entfremdungsbiografien geschuldet.

War das Biedermeier und seine Rückzugsstrategien privatistischer Verinnerlichung noch die Antwort auf die anbrechende Industrialisierung - so ist Walden die Antwort auf die postindustriellen Krisen zwischen Identitätsverlust und strukturellen Verwerfungen.

Nur flüchten wir uns jetzt nicht mehr ins Innere, auf's Biedermeiersofa, sondern nach draußen. Auf den Berg. In den Wald. Das findet übrigens auch die damit groß gewordene Outdoor-Industrie sehr hübsch: die Sehnsucht nach dem großen Draußen.

Der Titel bezieht sich auf das Buch des Naturphilosophen Thoreau

Von diesem Freitag an bringt der Verlag Gruner + Jahr innerhalb der geschätzten Geo-Familie Walden (140 Seiten, 7,50 Euro) als Outdoor-Biedermeier-Update für Hipster zweimal im Jahr heraus.

Die nächste Ausgabe "folgt rechtzeitig zur Baumfäll- und Hüttenbausaison im Herbst". Walden ist ein Reservat für wilde Kerle mit Stil. Die Pressemitteilung lautet: "WALDEN zeigt, wie begeisternd und zeitgemäß kreativer Qualitätscontent sein kann." Natur als Qualitätscontent. Das ist ja so groß.

Zumindest die Innenstädte sind seit geraumer Zeit voll von jungen, bärtigen Männern in groben Karohemden und klobigen Schuhen, die sich gerne mit Hilfe eines Survival-Trainers in den Sümpfen der Everglades auf das Ende der Welt vorbereiten.

Zurück-zur-Natur-Überlebenskurse boomen auf eine Art, dass man sich fragt, wie man sie am besten überleben könnte. Natur ist in dem Maße präsent, wie sie uns tatsächlich abhanden kommt.

Die erste Frau im Heft ist charmanterweise nackt abgebildet

Natursehnsüchtige, die die Zivilisation satt haben, weil sie voller Globalisierungsdruck, Burnout, Konsumwahnsinn und Entfremdung steckt und aussieht wie Gotham City, sind daher auch die idealen "Paläo-Diät"-Anwender und Käufer von wetterfesten Jacken, die über "strategisch platzierte Funktionsmaterialien" verfügen, wobei man nur hoffen kann, dass die Strategie des Herstellers darin bestand, das Material so zu platzieren, dass die Funktion "Jacke" im Großen und Ganzen, hm, funktioniert.

Im Schöffel-TV-Spot "Ich bin raus" wendet sich ein solcherart gekleideter Herr ans Publikum: "An alle Proteindrinktrinker, Indoorstepper, Laufbandläufer . . . macht mal ohne mich weiter." Denn ihn, es ist immer ein Mann, ruft die authentische Natur, weshalb sich auch Walden strategisch richtig platziert, indem man sich an "Männer zwischen 25 und 50 Jahren" wendet, die zurück wollen zur sogenannten Natur.

Wollen Frauen nicht zur Natur zurück? Warten sie anmutig in den Städten, bis die Trapper wiederkommen? Im Heft begegnet man einer Frau erst spät. Auf dem Titel: zwei bärtige Kanuten mit Rucksäcken. Seite 2: zwei bartstoppelige Freizeitsportler, die für eine Versicherung werben. Seite 3: zwei unrasierte Redaktionsleiter (Harald Willenbrock und Markus Wolff) . . . Seite 6: wieder zwei Kanuten . . . Seite 18: eine Frau! Sie badet im Rätzsee - und charmanterweise ist sie nackt.

Natürlich. Man sieht weiter hinten im Blatt: Männer, die Steine übers Wasser hüpfen lassen. Männer, die Boote bauen. Männer in Schlafsäcken. Und Männer, die die Kunst der Arschbombe üben. Soll man einem Wilde-Kerle-Magazin verübeln, dass darin überraschenderweise viele Männer vorkommen? Nein. Soll man der Natur verübeln, dass darin offenbar kaum Frauen vorkommen? Absolut.

Das Landlust-Walden-Rollenverständnis: Frau mit Knöterich, Mann mit Kanu. Man ist froh, dass in Walden dem achtseitig entblätterbaren Foldout kein Centerfoldboy nackt und haarig dem Kanu entsteigt. Stattdessen hat der Kartograf Matthew Rangel von seinem Weg durch das Karwendelgebirge herrliche Reiseskizzen mitgebracht.

Vielleicht doch lieber im Zimmer bleiben?

Die Gestaltung der Zeitschrift ist auch insgesamt zu loben. Hat man von außen noch das Gefühl, einen Packen Altpapier in die Hand gedrückt zu bekommen (Hochglanz wäre wohl die falsche Botschaft), so ist das Innere von eigenwilliger Eleganz. Walden macht durchaus Lust auf seinen Gegenstand. Man durchforstet es ganz gerne, was daran liegt, dass die Zeitschrift nicht von der PR-Abteilung contentisiert wurde.

Etwas mehr Humor würde dem Heft vielleicht ganz gut tun. Oder trägt man den jetzt nicht mehr zum Bart? Der ungewöhnliche Titel Walden bezieht sich übrigens auf ein Werk des amerikanischen Naturphilosophen Henry David Thoreau, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts in eine selbsterbaute Blockhütte zurückzog (Walden Hut). Später schrieb er darüber in Walden. Or Life in the Woods: "Jage deinem Leben nach. Genieße das Land . . . Tu, was du liebst." Leider ist er relativ jung gestorben - letztlich an einer Bronchitis. Er war nachts bei stürmischem Regen unterwegs. Da draußen. Ohne Funktionsjacke.

Hatte am Ende Blaise Pascal doch recht? Dann rührt alles Unheil daher, dass die Menschen nicht in ihrem Zimmer bleiben.

© SZ vom 08.05.2015/pak

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