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Neue WDR-Serie "Phoenixsee":Jo, Ruhrgebiet!

Phoenixsee Teil 1

Mit dem neuen Job hat Birger Hansmann (Stephan Kampwirth, li.) einen Haufen Probleme geerbt: Die krummen Geschäfte von Bauunternehmer Merschmann (Bernd Reheuser, re.) strahlen auf ihn ab.

(Foto: WDR/Frank Dicks)

Nicht alle Serien müssen in Berlin spielen - der WDR setzt auf Arm gegen Reich im Pott. Für Menschen ohne Dortmund-Bezug dürfte die Freude beim Gucken von "Phoenixsee" überschaubar bleiben.

Am Anfang jeder Serienfolge sitzt ein Angler auf dem Steg am Dortmunder Phoenixsee. Der Blick geht übers Wasser, streift weiße, brandneue Villen. Irgendwer steht neben dem Angler und quatscht mit ihm. Der Angler sondert Lebensweisheiten ab, unterteilt die Menschen in solche, die hier schon immer gewohnt haben und jene, die wegen des Seeblicks zugezogen sind. "Wer von hier ist, der guckt hier", sagt er lapidar. Da weiß man gleich: Jo, Ruhrgebiet!

Mit der sechsteiligen Serie Phoenixsee will der WDR Neuland erschließen. Nicht alle Serien müssen in Köln, München oder Berlin spielen, lautet die Botschaft. Dortmund ist noch weitgehend unerschlossen, sieht man mal vom Tatort ab. Mit Phoenixsee will der WDR es anders angehen als üblich, will horizontal erzählen, also nicht am Ende einer Folge immer zum Happy End kommen müssen. Sechs Folgen haben die Kölner bestellt, was wie ein halbgarer Versuch wirkt: Sechs Folgen sollen reichen, um herauszufinden, ob die Zuschauer den Stoff annehmen, ob sie vielleicht sogar mehr sehen mögen? Das ist sehr wenig, wenn man eine Geschichte ruhig und im Detail erzählen will. Wer seinem Stoff vertraut, bestellt normalerweise 13 Folgen. Aber Vertrauen scheint gerade aus zu sein beim WDR. Man geht lieber auf Nummer sicher und wirft einfach ein paar Dinge, sprich Serien an die Decke. Was nicht direkt wieder runterfällt, könnte was taugen.

Wer seinem Stoff vertraut, bestellt 13 Folgen. "Phoenixsee" hat sechs

Meuchelbeck hieß eine Serie vom WDR, die im vergangenen Jahr am Niederrhein spielte. Die zunächst bestellten sechs Folgen liefen so lala, trotzdem gibt es nun eine Fortsetzung. Nach Weihnachten folgt die nächste Miniserie. Die trägt Der rheinische Cowboy als Arbeitstitel und handelt von einem glücklosen Staubsaugervertreter.

Von glücklosen Menschen handelt auch Phoenixsee. Der Autor Michael Gantenberg, den man kennen kann, wenn man Vorabendserien schaut oder sich an Nikola erinnert, wollte zeigen, wie am einstigen Industriestandort Welten aufeinanderprallen. Da sind zum einen die alteingesessenen Neuraths. Einfache Leute in abgeranzten Altbauten. Einen Steinwurf weiter leben neuerdings die Hansmanns gutsituiert in einer weißen Villa mit Seeblick. Unterschiedlicher könnten die Welten nicht sein, und doch eint die Familien etwas. Beide stecken knietief im Problemsumpf, tun sich aber schwer, das zuzugeben.

Mike Neurath hat lange schwarz Autos repariert und penibel Buch geführt über seine Tätigkeit. Nun steht die Steuerfahndung in seinem Wohnzimmer und interessiert sich für seine Aufzeichnungen. Auch Birger Hansmann steht das Wasser bis zum Hals. Als neuer Chef einer Wirtschaftskanzlei hat er leichtfertig ein Papier unterschrieben, das ihn nun Millionen, wenn nicht gar die Freiheit kosten könnte.

Als Zuschauer fasst man sich an den Kopf und fragt sich, ob Menschen wirklich so dumm sein können wie dieser Mike Neurath. Schwarz arbeiten und darüber Buch führen. Geht's noch? Mit dem Vorwurf konfrontiert, verteidigt der Autor sofort seine Schreiberehre. "Mike hat eine reale Vorlage - den Mann gibt es", sagt er. Alle Geschichten seien authentisch, schwört Gantenberg. Nichts sei erfunden, allenfalls mal hier und da verdichtet. Auch die Atmosphäre am Phoenixsee mit den Gegensätzen zwischen Arm und Reich, zwischen Gestern und Heute sei authentisch. "Das ist, als würde man am Starnberger See ein Flüchtlingsheim zwischen zwei Schönheitschirurgen bauen", sagt Gantenberg.

Wer mit ihm redet, spürt, wie viel Herzblut in diesem Projekt steckt. Man spürt aber auch, wie sehr es ihn schmerzt, dass diese Serie nur sechs Folgen hat. Wenn man mit der Regisseurin Bettina Woernle und dem Produzenten Mario Krebs spricht, verstärkt sich rasch das Gefühl von gebremster Energie. Da sind Akteure, die etwas wollen, die sehr viel wollen. Allein, man hat sie nicht gelassen.

Wohl genau deshalb leidet die Serie unter einer gewissen Unausgegorenheit. Man weiß um das Wollen, aber am Ende ist es dann wieder nur sehr dröges Fernsehen geworden. Bei einer Vorführung in Dortmund sei es gut angekommen, sagt Krebs, aber da haben sich die Menschen vielleicht auch gefreut, dass ihre Stadt mal im Fernsehen zu sehen war. Für Menschen ohne Dortmund-Bezug dagegen dürfte die Freude überschaubar bleiben. Für sie ist Phoenixsee möglicherweise nur ein weiterer Beweis, dass Deutschland das mit den guten Serien nicht hinkriegt. Schon gar nicht, wenn der Mut fehlt, mehr als sechs Folgen zu bestellen.

Phoenixsee, WDR, montags, 20.15 Uhr.

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